Anzeige

Maximilian Hecker: „Das Waldschratige ist in mir“

Maximilian Hecker kommt am Samstag (17. Januar) ins Wolfsburger Hallenbad. Foto: oh

Der 37-jährige Musiker kommt mit neuem Album „Spellbound Scenes Of My Cure“ am Samstag ins Wolfsburger Hallenbad.

Von André Pause, 13.01.2015.

Berlin. Das kann doch kein Zufall sein: Um über sein neues Album „Spellbound Scenes Of My Cure“ (VÖ 16. Januar, Blue Soldier Records/Rough Trade) zu sprechen, schlägt Maximilian Hecker die Lobby eines Ibis-Hotels in Berlin-Mitte vor.

Gegen die spartanische Herberge in Hennigsdorf, nordwestlich der Hauptstadt, wo der Musiker, wie er erzählt, die letzten drei Silvesternächte verbracht hat – allein wohlgemerkt – ist das zum gleichen Konzern gehörende Treffpunkthotel geradezu ein Hort des Luxus.

„Das Interieur dort ist so schlicht, dass Uli Hoeness Gefängniszelle wahrscheinlich komfortabler und angenehmer ist“, erzählt der 37-Jährige leicht amüsiert. Natürlich nehme das Etablissement am Rosenthaler Platz aber schon ein bisschen Bezug auf den Song „Hennigsdorf“, unabhängig davon möge er Hotellobbys generell ganz gern, und um die Ecke wohne er auch. Nun denn.

„Spellbound Scenes Of My Cure“ ist Heckers achtes reguläres Studioalbum. Dass er sich damit völlig neu erfunden hätte, lässt sich nicht behaupten. Dafür ist der Mann wohl auch zu unique, Die Nische Sehnsuchtspop National besetzt hierzulande kaum einer so konsequent wie der im nordrhein-westfälischen Bünde aufgewachsene Multiinstrumentalist mit der markanten Falsettstimme. Sein Kosmos ist die Melancholie. Daran hat sich, mag der jeweilige Grundtenor der einzelnen Platten auch divergieren, vom ersten Album „Infinite Love Songs“ bis zum neuesten Streich wenig geändert.

Musikalisch ist „Spellbound Scenes Of My Cure“ weniger opulent als der direkte Vorgänger „Mirage Of Bliss“ (2012). Insgesamt wird ein ruhiger Kammerton angeschlagen, Gitarre und Piano kommen in der Regel eher in bedächtiger Form zum Einsatz, hier und da von Glockenspiel begleitet. Das Gleis des klassischen Bandsounds wird eigentlich nur bei „Gangnam Misery“ befahren, und auch die früher öfter auftretenden musikalischen Richtungswechsel innerhalb eines Songs gibt es aktuell genau zweimal – „Hennigsdorf“ wird etwa bei Liedmitte für ein Intermezzo auf links gezogen, das Piano weicht einer „Sonic Youth“-esken Lärmburg, und in „Kastrup“ fließt der Song in die Symphonie wie ein Fluss in die See. Klassisches Spielfilmende eigentlich.

Dass Hecker diese beiden eher gegenwärtigen Songs ans Ende des Albums gestellt hat, ist kein Zufall. Sie sind eine Art Plateau, auf das er steigt und auf die ersten acht Lieder, seine Vergangenheit, Szenerien und Orte, zurückblickt. „’Hennigsdorf‘ und ’Kastrup‘ stellen eine Art Konklusion dieses Albums dar. Dies sind die eigentlichen verwunschenen Orte meiner Heilung. Diese Reisen zu diesen kargen Dörfern fanden und finden statt als freiwillige Isolation“, skizziert Hecker. Man müsse sich das vorstellen wie bei Reinhold Messner. Der begebe sich ja ebenso freiwillig in diese Form der Gegenposition zum gesellschaftlichen Leben.

Auf die Idee, den Eskapismus zum Prinzip zu machen, ist der Musiker vor rund zwei Jahren gekommen. Da floh er ziemlich ohne Plan aus einem unrühmlichen Berliner Tête-à-tête in ein Billighotel nahe des im Örtchen Kastrup gelegenen Flughafens (bei Kopenhagen). Hier – umarmt von der dänischen Winternacht – fühlte er sich im positiven Sinne unerreichbar und unberührbar. „Ich war nicht konfrontiert mit den negativen Effekten des Zusammenseins. In gewisser Weise handelt es sich um eine Flucht vor der eigenen Unreife, die einen offenbar nicht in die Lage versetzt, sich in Gemeinschaftssituationen ebenso wohlzufühlen“, erzählt Hecker, der die stetig wiederkehrende Textzeile „I’ll deceive you, I’ll leave you“ auf monogame romantische Liebesbeziehungen, nicht auf das Verhältnis zu Freunden, Eltern und so weiter bezogen wissen will. „Ich bin ein völlig normaler Typ, der früher beim CVJM war und sich in Gruppen wunderbar einfügen konnte. Ich bin jetzt kein Waldschrat. Aber das Waldschratige ist in mir, und ich koste es auch manchmal aus.“
Zum Beispiel in seinem Textwerk. Während die Musik von „Spellbound Scenes Of My Cure“ einen angenehm zudeckt, begibt sich Hecker in seinen Lyrics verstörend nah an Abgründe. Dorthin, wo auf die Liebe projizierte Erlösungsfantasien (junger Werther – ick hör Dir trapsen) beginnen, ungesund zu werden.

Live zu erleben ist Maximilian Hecker Samstag (17. Januar) im Wolfsburger Hallenbad.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.