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Marotten, Klischees und andere böse Geister

Bülent Ceylan in Braunschweig. (Foto: Agentur Hübner)

Comedian Bülent Ceylan beweist mit seinem Programm "HaardRock", dass sich Zuschauer auch ohne Pointen begeistern lassen

Von André Pause, 7. Dezember 2014

Braunschweig. Bülent Ceylan ist ein gutaussehender Mann in seinen Dreißigern: durchtrainiert-muskulöser Körper, polanges seidig glänzendes Haar und verschmitztes Lachen, das er gerne mit verführerischem Augenaufschlag kombiniert.

Für die Optik allein flögen Türen auf, und dann ist der Kerl auch noch richtig sympathisch, hat wie er selber sagt sogar Abitur. Mensch, was hätte nicht alles aus ihm werden können! Der Mannheimer hat sich bekanntlich – und das schon in den 90er Jahren – für die Comedy entschieden. Mit einer Mixtur aus Kurpfälzer Zungenschlag und Kanak Sprak nimmt er Marotten und Klischees von Deutsch-Türken aufs Korn, aber auch die von deutschtümelnden Zeitgenossen („Mompfreed“) oder gelangweilten Frauen mittleren Alters („Anneliese“).

Beim Besuch in der gut gefüllten VW-Halle am vergangenen Sonnabend muss man sich freilich wundern, dass Ceylan seit einigen Jahren solch einen Megaerfolg hat, mit Auszeichnungen geradezu überschüttet wird. Denn Humor und Witz fehlen in seinem gut zweistündigen Programm „HaardRock“ komplett. Warum die Leute lachen, weiß Gott allein. Die Situation erinnert an einen Streich, der dem wirklich komischen Hape Kerkeling vor Jahren mit der versteckten Kamera gespielt wurde. Damals lachte das instruierte Publikum immer an den falschen Stellen, was Kerkeling letztlich völlig aus dem Konzept brachte.

Denkt man das mal ein wenig weiter, so lacht, grunzt, röchelt und wiehert die Bülent-Ceylan-Gefolgschaft womöglich nur deshalb ununterbrochen, weil weit und breit keine Pointe auszumachen ist. Es geht um Furzflugdistanzen, Schwanzlängen, die Lieblingsposition im Kamasutra oder Männer-Typen. Wie aufregend. Ceylan gibt verschiedenste Charaktere, immer wieder verändern sich Outfit und Kulisse. So wird sich rückhaltlos ausgeschüttet, wenn der Zopfkünstler seine Stimmregler auf Sächsisch stellt – Sandra zu Sondro wird – oder aber jener Tonfall erklingt, der 1933 temporär en vogue wurde. Immerhin mischen sich hier ein vernehmbares Raunen und diverse „Hohos“ ins allgemeine Gegluckse. Nichtsdestotrotz fragt sich jeder halbwegs intelligenzbegabte Mensch an dieser Stelle: Warum? In der Pause erhält der mit donnerndem „Bäm-Bäm“, wild schwenkenden Verfolgern und Feuerwerk eröffnete Abend das verdiente Aroma: Besucher kommen mit streng riechenden Hot-Dogs zurück. Ansonsten gibt es wenig Veränderung. Die zweite Hälfte ist so lustig wie die erste. Der gravierendste Unterschied ist, dass einige sich nun sichtlich bemühen müssen, das als Nahrung deklarierte Zeug bei sich zu behalten.

Halbwegs erträglich ist Ceylans Event paradoxerweise immer dann, wenn er keine Komik will, wenn der Künstler einmal neben sein medial vereinnahmtes und verramschtes Produkt tritt, versucht zu erklären, dass nicht alle Moslems „über einen Kamm“ geschoren gehören, an die Zuschauer appelliert: „Gebt den Leuten immer ‘ne Chance!“

Er selbst hat sie bekommen, und (auch wenn er gleich mehrfach darum bittet, Rassismus keine Chance zu geben) spätestens da vergeigt, als er die Zuschauer nach „Zicke-zacke, Zicke-zacke: Heu-heu-heu“ die Antwort auf „Sieg“ blöken lässt. Das Publikum sehe das differenziert, meint Ceylan. Ich wäre mir da jetzt nicht ganz so sicher.

Nochmal Feuerwerk. Konfetti. Jubel.
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2 Kommentare
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Rüdiger Auerbach aus Wolfenbüttel Stadt | 07.12.2014 | 12:39  
André Pause aus Braunschweig - Innenstadt | 07.12.2014 | 16:00  
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