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„Like mich am Arsch“

Musiktheater inszeniert von Deichkind. Foto: szene38/Ziebart

Deichkind faszinieren Tausende in Volkswagenhalle.

Von Falk-Martin Drescher, 27.01.2016.

Braunschweig. Wenn die Rapper von Deichkind in der Stadt sind, darf jeder einen eskalativen Kindergeburtstag für Erwachsene zelebrieren.

All die, die ohne Kleingeld vor dem Drehkreuz verzweifeln, in der Warteschlange irgendwie immer allen den Vortritt oder den Kugelschreiber aus dem Hotel auf keinen Fall mitgehen lassen: Heute dürfen sie richtig böse sein.

Die Hamburger laden ein: Nicht etwa zu einem Konzert – nein, zu einer Performance. Das, was Ferris, Porky & Co da am Sonntag vor rund 6000 Zuschauern ablieferten, ist Musiktheater. Vorbei die Zeiten des dumpfen Rülpsens und Pöbelns, seit „Bitte ziehen Sie durch“ und auch „Noch fünf Minuten Mutti“ sind nicht nur mehr als zehn Jahre vergangen – die Musik von Deichkind hat ein völlig anderes Level erreicht. Kluge Texte und eingebettete Zitate werden unterstrichen von aufwendigen, perfekt einstudierten Shows. Regenschirme werden synchron geschwungen und  riesige Bühnenelemente verschieben sich automatisch.

„Das ist nicht mehr einfach nur Rap. Deichkind haben ein völlig neues Genre erfunden“, schwärmt ein Gast. „Die Avocado ist noch nicht reif; das Ladegerät ist mir einen Tick zu heiß. Ich hab‘ durchgemacht, Aronal oder Elmex? Die Liegen am Strand sind zu schnell weg.“ Die Band hält der Gesellschaft den Spiegel vor, einer in ihren Augen ziemlich kranken.

In „Die Welt ist fertig“ heißt es: „Alle Häuser sind verpixelt und die Kinder sind im Bett. Ganz Dubai hochgezogen und Sylt ist endlich weg. [...] Zeitumstellung abgeschafft, alle Tattoos abgemacht. Keine Ampel zeigt mehr rot, wir lassen das jetzt so.“ Das kann ja wohl nicht wahr sein? Müssen sich die Hamburger vermutlich denken, wenn sie  etwa das Trash-TV sehen oder verfolgen, über welche belanglosen Themen sich manch einer unbedingt aufregen möchte.
„Hauptsache nichts mit Menschen“ singen sie auf ihrem aktuellen Album. Ferris erhält einen Strahlenschutzanzug – erst dann geht es ins Publikum. Später erneut: Nun allerdings auf oder eher in einem riesigen Fass. Nach einem Ausflug in die musikalischen Anfänge („Bon Voyage“ & Co.) wird die Fragen aller Fragen gestellt: „Die Reisegruppe Deichkind möchte die Reise beenden. Soll sie vorbei sein?“

Natürlich nicht. Standard einer Liveshow von Deichkind: „Hört ihr die Signale“. Die Zuschauer hören die „Saufsignale“, hocken sich hin, um anschließend auszurasten. Textsicherheit: Check. Dann „Limit“, der damals erste Track der Hamburger mit Einflüssen der elektronischen Musik. Zum großen Finale, Remmidemmi, werden Trampolin, ein großes Fass, riesige Fahnen und vieles mehr aufgefahren. Und das Schlauchboot dreht seine Runden über der Menge. Gute Weiterfahrt!
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