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Lieber Mogli, wir langweilen uns

Szene aus „Das Dschungelbuch“. Foto: Beinhorn

„Das Dschungelbuch“ am Staatstheater trifft weder das Herz noch das Gefühl.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 26.11.2016.

Braunschweig. Was war das denn? Das Weihnachtsmärchen am Staatstheater ist – gelinde gesagt – trostlos.

Und irgendwie gehört ja schon eine Menge dazu, um aus dem fantastischen Kinderbuchklassiker „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling so ein tristes Schauspiel zu machen. Regisseurin Juliane Kanns ist es gelungen.
Vorweg: Das Ensemble – Anton Andreew, Nina El Karsheh, Ralph Kinkel, Mattias Schamberger, Anja Signitzer, Sinem Spielberg und Philipp Grimm – spielt großartig. Sie rackern und gackern, trampeln und trompeten, muhen und zirpen. Sie geben wirklich alles, um das Stück mit Leben zu füllen. Und mit Sinn.

Denn der erschließt sich zunächst gar nicht. Die Schauspieler kommen in weißen Ganzkörperanzügen (die mehr Einzelheiten der Körper zeigen, als man sehen möchte) auf die Bühne, sitzen vorn am Rand und gucken. Und wir gucken zurück. Ratlos, aber noch voller Hoffnung auf das, was kommen mag. Aber da kommt nichts mehr, oder wenigstens nichts, was irgendwie verständlich oder berührend wäre.

Die Akteure wechseln untereinander die Rollen. Zurufe, Masken, eine Perücke und wenige andere Utensilien sollen aus Mogli Balu machen, aus Baghira Shir Kahn und so weiter. Das muss man erst mal verstehen. Erst recht als Kind.
Und warum nur? Keine Figur lernen wir näher kennen, schon gar nicht wächst sie uns ans Herz. Wir fühlen nicht mit, wir leiden nicht mir, wir lieben nicht mit – wir langweilen uns.

Das Bühnenbild ist genauso reduziert wie das Stück. Ein paar Tierköpfe aus Pappmaché – viel mehr gibt es nicht zu sehen.
Was hilft, ist ein Blick in die Materialmappe zur Vor- und Nachbereitung, die auf den Theaterseiten im Internet Konzept und Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung anbieten:

Es ist ein Spiel im Spiel, bei dem alle Spieler im Laufe der Geschichte alle Rollen annehmen ... Die Rollen- und Kostümwechsel passieren offen auf der Bühne. Mogli wird im Laufe der Geschichte älter ... Durch die Rollenwechsel wird das Älterwerden deutlich, was durch das Kostümbild verstärkt wird ... Das Bühnenbild stellt keinen Dschungel im eigentlichen Sinne dar, sondern besteht aus fünf riesigen weißen Tierköpfen ..., die fahrbar sind. Es sind die Freunde Moglis: Hathi, Akela, Balu, Baghira und Kaa. Angelehnt an die versunkene Stadt der Affen, sind die Köpfe zum Teil halb versunken und können immer anders angeordnet werden.

Aha, jetzt wissen wir wenigstens, was gemeint war. Jeder kann jeder sein – die philosophische Ebene des Stücks. Aber so vordergründig? Bei Rudyard Kipling scheint die tiefere Botschaft durch die Liebe zu den Figuren und die schönen Bilder und wirkt so dort, wo sie wirken soll: mitten im Herzen.
Klar, Geschichten müssen nicht immer gleich erzählt werden, brauchen die Modernisierung, einen frischen Blick. Aber – gute Geschichten sind gute Geschichten und bleiben gute Geschichten. Dafür ist ja die Weihnachtszeit das beste Beispiel. Denn gerade hier berufen wir uns ja auf eine Geschichte, die schon richtig alt ist, immer wieder die gleiche – und immer wieder schön.

Der Applaus bei der Premiere ist relativ stark, die Kinder im Publikum sind anderthalb Stunden ohne Pause konzentriert. Vielleicht verstehen sie ja anders oder mehr als ich, fühlen auf Ebenen, die mir als Erwachsener verschlossen sind …
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