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Liebe zwischen Drogen, Müll und Nutten

Rigoletto (Alejandro Marco-Buhrmester) und seine Tochter Gilda (Ekaterina Kurdyavtseva). Foto: Volker Beinhorn

Thaddeus Strassberger lässt Verdis „Rigoletto“ im Müll Süditaliens versinken – kraftvoll, erotisch, direkt.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 31. Oktober 2015.

Braunschweig. Verdis „Rigoletto“ im 21. Jahrhundert – wohin mit dem buckligen Narren? Im Braunschweiger Staatstheater lässt Thaddeus Strassberger den Zyniker die Mitglieder eines runtergekommenen Boxclubs im müllverseuchten Süden Italiens bespaßen. In üblen Spelunken, zwischen Drogen, Müllsäcken und Nutten agiert Verdis racheschnaubender Underdog Rigoletto als gebrochener Feingeist, der mit tiefer Abscheu für alles und alle die „Drecksarbeit“ für den Duca, hier ein Clubbesitzer, erledigt.

Der – ein Don Giovanni der Unterklasse – greift die Frauen auf den Partys rund um den Boxring ab; Rigoletto sorgt dafür, dass die gehörnten Ehemänner und Väter verspottet und gedemütigt werden.
Erst der Fluch durch einen solchen Vater (Rossen Krastev als Graf Monterone mit unglaublich guter Stimme) lässt Rigoletto innehalten, er hat Angst um seine Tochter Gilda, die er zu Hause in einem nicht mal vergoldeten Käfig hält. Und die Angst ist berechtig, denn das behütete Mädchen fällt prompt und geradezu unausweichlich dem Clubbesitzer erst in die Hände und dann direkt ins Bett und verliert augenblicklich Herz und Verstand, zumindest den Blick für die Tatsachen.

Opfern für die Liebe

Sie liebt diesen ewigen Stenz so aufrichtig und hoffnungslos, dass sie der Racheattacke ihres Vaters zuvorkommen und sich für den treulosen Geliebten opfern will.
Der lässt sich von den aufkeimenden Gefühlen für Gilda, die ihm offensichtlich selbst nicht geheuer sind, durch Maddalena ablenken – als devoter Freier. Doch auch die Straßenhure hat ihr Herz an Duca verloren. Und will ihm ebenfalls das Leben retten. Im bitteren Finale trampelt sie ihre Rivalin – das Mädchen Gilda – zu Tode.
Die Inszenierung ist konsequent und überzeugend. Überragend – wie schon bei Strassbergers „Andrea Chenier“ sind Ausstattung und Bühne, für die auch der Regisseur verantwortlich zeichnet. Die miefige Atmosphäre des Boxclubs, die stickige Hitze in den vermüllten Hinterhöfen, die Tristesse der kleinen Wohnung, in der Rigoletto mit seiner Tochter und der Amme wohnt – grandios.
Strassberger setzt die Drehbühne klug ein, ein großer Vorhang, auf den ein Duett zwischen Vater und Tochter live als Filmsequenz übertragen wird, bildet eine zusätzliche Dimension und überbrückt dabei geschickt eine Umbauphase.
Auch Madeleine Boyd schwelgt bei ihren Kostümen im Vollen. Oder besser – im Knappen. Immerhin wissen wir jetzt sicher, dass unsere Sängerinnen auch sehr schöne Beine haben und unser First Beau Orhan Yildiz einen gut gebauten Oberkörper.
Mit klarem Tenor gibt Matthias Stier seinem Duca eine eher sanfte Seite. Wobei – im Bett mit Gilda drehen beide mächtig auf. Ein saftiges Liebesspiel, ein gesungener Höhepunkt – das hätte Verdi bestimmt gefallen.
Ekaterina Kudryavtseva jedenfalls gefällt es hör- und sichtbar, ihre Gilda trumpft vor allem mit starkem und feinem Sopran auf, mühelos höhensicher, mädchenhaft rein. Auch schauspielerisch ist sie große Klasse, wenn der Figur der Gilda auch ein moderneres Standing – ein wenig mehr Selbstbewusstsein und Auflehnung gegen das ewige Getue des Vaters – zu wünschen wäre.
Dessen Überbehütung der Tochter kann schon auf die Nerven gehen, zumal das ’Warum‘ nicht klar herausgearbeitet ist. Die depressiv durch die Dekoration huschende Amme jedenfalls ist nicht Erklärung genug.
Wie auch immer, die Inszenierung zündet rundum, ein Rausch an Farben, Spiel und Musik. Alexandro Marco-Buhrmester ist ein überragender Rigoletto. Die Schmerzen des verkrüppelten Körpers, die Einsamkeit und Verzweiflung, und vor allem, die Liebe für und die Angst um die Tochter – all das ist bei ihm zu sehen und zu hören. Sein Rigoletto ist ein Ereignis. Dazu der Chor zuverlässig in Bestform. Und ein Dirigent, der den Laden straff zusammenhält und mit dem gut disponierten Staatsorchester direkt, klar und unsentimental das Thema angeht. Bemerkenswert, wie feinfühlig der erst 23-jährige Alexander Prior den Sängern Luft und Raum lässt. Beim Schlussapplaus steht das „musikalische Wunderkind“ dermaßen strahlend und glühend auf der Bühne, dass es einfach eine Freude ist, ihm zuzusehen. Der hochtalentierte Jungstar ist nicht von ungefähr in Braunschweig, er gehört in die engere Auswahl für den freien GMD-Posten am Staatstheater.

Müll-Mafia

Wenn es überhaupt etwas zu mäkeln gibt an diesem „Rigoletto“, dann höchstens ein Mangel an politischer Brisanz (immerhin wurde die erste Verdi-Fassung verboten). Nicht, dass die Thematik nicht da wäre – der Artikel „Müll“ von Roberto Saviano im Programmheft zeigt die fast apokalyptischen Ausmaße illegaler Müllentsorgung in den Händen camorristischer Clans. Aber wer liest schon vor dem Opernbesuch das Programmheft? Wäre in diesem Fall sinnvoll.
Die nächste Vorstellung ist morgen (1. November) ab 14 Uhr im Großen Haus. Unbedingt hingehen.
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