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Letzter Halt: Powerschlager

Unheilig spielten in der ausverkauften Volkswagenhalle.

Von André Pause, 12.05.2013.

Braunschweig. Ehre, Ewigkeit, Freiheit, Kampf, Leben, Liebe, Treue, Verlust – große Worte bemüht der Graf von Unheilig nicht zu knapp.

Eigentlich in jedem Song, den der Sänger mit der sonoren, tief tönenden Stimme am Freitagabend beim Konzert in der mit 6500 Besuchern ausverkauften Braunschweiger VW-Halle zum Besten gibt. Und was sagt er damit? Inhaltlich – was für sich genommen auch schon wieder ein Kunststück ist – eigentlich nichts.
Seit der Jahrtausendwende ist die Aachener Band Unheilig unterwegs. Das musikalische Portfolio wurde im Laufe der Zeit von Gothic auf links gezogen, in Richtung pekuniär einträglicher Powerschlager. Insofern könnte die scherenschnittartig rot und blau leuchtende Skyline auf der Bühne beinahe als Potemkinsches Dorf angesehen werden.
Es gibt gesungenes Blendwerk, zu dem eifrig mitgeträllert und mitgepatscht wird. Musikantenstadl für die etwas Härteren: Schunkeln und Wiegen im Takt, Synchronarmschwünge, die Jane Fondas Aerobicübungen ins Gedächtnis zurückwedeln, inklusive.
„Lichter der Stadt“ heißt das weiterhin aktuelle Album, dem die Tour „Lichter der Stadt II – Letzter Halt“ gewidmet ist. Und so sehr sich der Außenstehende wundern mag, wie viele Menschen man mit Traumgeschichten simpelster Machart, der Abstinenz von substanziellem Inhalt wie Bolle begeistern kann: Handwerklich lässt sich an der eindreiviertelstündigen Show wenig bekritteln. Die Musiker Martin Potthoff (Drums), Christoph Termühlen (Gitarre) und Markus Schürjann (Keyboards) verstehen ihr Handwerk, liefern eine durchgestylte, auf Hochglanz polierte Show. Dass der Sound bisweilen klingt wie vom Tonträger – geschenkt.
Die Donnerdrums von „Eisenmann“ sind gewaltig, die Töne des zart flirrenden Gitarrensolos bei „Mein Stern“ sitzen so perfekt wie das Longjacket des Grafen. Und auch der kahlköpfige Frontmann ackert, rennt auf der Bühne hin und her, perfektioniert im Laufe des Abends die Pose des Mit-dem-Mikro-zum-Kunden-Herunterbeugens, tanzt bei „Auf ewig“ mit seinem Gitarrero, kurz: Er verlässt den gleißenden Lichtkegel des Verfolgers nur, wenn es unbedingt sein muss.
Auch die beiden Bildschirme über der Bühne, die jeden Song filmisch einleiten, kennen nur eine Person: Der Graf in der Pampa, der Graf am Strand, der Graf, und weil es so schön war, noch einmal der Graf.
Handgestoppte 105 Minuten dauert der klingende Marketing-mix, dessen Zugabenteil drei weitere Songs enthält: „Geboren um zu Leben“, „Große Freiheit“ und „Stark“. Der Graf – wer sonst – singt: „Auf Wiedersehen, stark wie ein Baum, der in der Sonne steht, stark wie die Wolke, die vorüberzieht, stark wie ein Engel, der zum Himmel fliegt ...“. Manche mögen’s prätentiös. Ein Drittel des Auditoriums allerdings strömt derweil schon mal zu den Ausgängen. Vielleicht lockt der gartenhausgroße Merchandisingstand, womöglich möchten die meisten auch nur das Ende von „Let’s Dance“ auf RTL nicht verpassen.
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