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Lebenslust trifft Lebensleid

Till Brönner eröffnet am 1. Juni die Cityjazznight im Großen Haus des Staatstheaters

Von Christian Göttner

Er ist Deutschlands bekanntester und erfolgreichster Jazzmusiker, der nicht nur seine meist kühle Heimat, sondern auch das sonnige Südamerika liebt: Till Brönner. Sein aktuelles Album „Rio“ ist eine Liebeserklärung an die brasilianische Großstadt, ihre Menschen und ihre Musik. Die neue Braunschweiger, die die Cityjazznight präsentiert, sprach vorab mit dem dreifachen Echo-Preisträger.

? Wie kamen Sie auf die Idee, mit „Rio“ ein reines Bossa-Nova-Album zu machen?

! Bossa Nova war schon immer eine meiner zwei oder drei großen Lieben neben dem Jazz. Und der Jazz ist ja mit dem Bossa Nova auch eine große Symbiose eingegangen in den frühen sechziger Jahren, eigentlich schon in den späten Fünfzigern. Insofern haben Jazzmusiker grundsätzlich eine ganz große Affinität zu dieser Musik. Und dieses Lebensgefühl, gepaart mit diesen wunderbar einfachen und zu Herzen gehenden Elementen bis hin zum Spaß darüber zu improvisieren, das ist dieser Musik sehr eigen. Ich glaube, dass deswegen auch viele Jazzmusiker diesen Traum mit mir teilen. Und ich konnte ihn direkt in Rio de Janeiro in die Tat umsetzen und Wirklichkeit werden lassen.

? Was hat diese Musik, was die Musik in Europa oder Nordamerika nicht hat?

! Ich glaube, dass wir mit unserer eigenen Musik – der Volksmusik – und unserem eigenen Liedgut hier so ein bisschen stiefmütterlich umgehen. Wir kennen es zwar alle, aber man findet wenig junge Menschen, die ein Volkslied auf der Straße anstimmen. Als wir in Rio unsere Instrumente auspackten und einfach mal so einige von diesen Stücken angespielt haben, da wurde sofort klar, dass diese Lieder so bekannt sind und vor allen Dingen so beliebt, dass diese Menschen alle drauf eingestiegen sind. Sie haben gesungen, sich bei den Händen gefasst, es wurde getanzt. Es ist so verankert im täglichen Leben, auch im Radio, wo ständig Bossa Nova läuft. Es ist insofern ein sehr gesundes Verhältnis, das diese Menschen zu ihrer eigenen Musik und ihrem Land haben – und ein Lebensgefühl zwischen dem Lachen und den Tränen.

? Sie haben das Album in Rio de Janeiro aufgenommen. Inwieweit haben Sie sich von der Stadt inspirieren lassen?

! Wir hatten schon Gelegenheit, uns auch mit dem Alltag dort auseinanderzusetzen; der ist durchaus nicht nur von Copacabana und Sonne geprägt, aber der Anteil, den Sonne, Copacabana, Musik und vor allen Dingen Landschaft – Freud’ und Leid übrigens auch – in fast gleichem Verhältnis dort ausmachen, das schlägt sich schon überall nieder und logischerweise auch in der Musik. Und ich bin mittlerweile schon seit Jahren ein fester „Verfechter“ von Orten, die ein Flair mitbringen. Ich glaube, dass der Geist eines Ortes, der Geist einer Stadt, das Lebensgefühl, wenn man an einem solchen Ort Musik aufnimmt, sich auch in den Aufnahmen niederschlägt; das habe ich vor Jahren schon mal bei einer CD gemerkt, die ich in New York aufgenommen habe. Da war es im Studio schon sehr anders.

? In der Klischeevorstellung stehen Brasilien und Rio für Rhythmus, Hitze und Leidenschaft. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Musik so cool und entspannt klingen zu lassen?

! Es ist natürlich auch der Samba, der eine ganz wichtige Rolle dort spielt. Und die Symbiose aus diesen Stilen, der Stilmix, der teilweise auch ganz klare Züge von Popmusik trägt. Der Samba ist ein ganz tiefes Lebensgefühl aus dem Volke. Der Bossa Nova ist eigentlich ganz historisch betrachtet, Musik aus der Mittel- und Oberschicht. Die Kombination dieser beiden Stile macht diese Musik aus. Insofern ist Treibendes, der Samba, der Karneval, die Ensembles, die es dort gibt, und der große Spaß, die Freude, die Liebe, die diese Menschen empfinden, und diese Unkompliziertheit, die sie ausstrahlen, auf der einen Seite zu finden. Auf der anderen Seite gibt es dann aber auch ein ganz, ganz starkes Traurigkeitsempfinden – Saudade, wie die Brasilianer das nennen. Man könnte es mit so etwas wie vielleicht Melancholie umschreiben, und das ist ein Metier, das mir schon ganz grundsätzlich sehr liegt und immer gut gelegen hat.

Service
Der Festival-Rundgang der von der nB präsentierten 6. Cityjazznight findet am Sonnabend (6. Juni) statt. Darumherum werden drei Highlight-Konzerte veranstaltet.
1. Juni: Till Brönner und Band eröffnen die Konzertreihe um die Cityjazznight im Großen Haus des Staatstheaters
7. Juni: Swing & Roll mit Kitty, Daisy & Lewis aus London, Großes Haus, Staatstheater
9. Juni: Swinging London mit The Puppini Sisters, Großes Haus, Staatstheater
•Tickets: Karten gibt es in der Konzertkasse, Schild 1.
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