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Lass doch einfach mal sprudeln

Bei Vincent (Hans-Werner Leupelt), Anna (Pauline Kästner), Pierre (Tobias Beyer), Claude (Moritz Dürr) und Elisabeth (Martina Struppek, v.l.) ist stimmungstechnisch die Luft raus. Foto: Beinhorn
Braunschweig: Kleines Haus des Staatstheaters |

Premiere: Nicolai Sykosch inszeniert die Komödie „Der Vorname“ im Kleinen Haus sehr filmisch.

Von André Pause, 30.05.2015.

Braunschweig. Welche Wucht doch von einem Scherz ausgehen kann, wenn Sender und Empfänger desselben in Sachen Weltsicht nicht unbedingt auf einer Welle funken! Das zeigt Nicolai Sykosch mit seiner Inszenierung der Komödie „Der Vorname“ von Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte jetzt im Kleinen Haus des Staatstheaters.

Es soll ein gemütlicher Abend unter Freunden werden, da oben auf der Bühne. Lehrerin Elisabeth (Martina Struppek) und ihr Mann, der Literaturprofessor Pierre (Tobias Beyer), haben zu einem marokkanischen Büfett geladen. Neben Elisabeths Jugendfreund Claude (Moritz Dürr) wird ihr Bruder und Pierres bester Freund Vincent (Hans-Werner Leupelt) erwartet. Dessen im fünften Monat schwangere Lebensgefährtin Anna (Pauline Kästner) verspätet sich, weshalb Vincent alle neugierigen Nachfragen zum Ungeborenen kurzerhand im Alleingang beantwortet. Die Wahl des Namens für seinen Stammeshalter – Adolphe – bestürzt die Freunde. Als Anna schließlich erscheint, entlarvt sie die Namensidee als provokativen Scherz ihres Liebsten. Den ins Wanken geratenen Abend jedoch rettet das nicht mehr. Vielmehr befindet sich die Stimmung aufgrund differierender Sichtweisen der beiden Alphatiere Pierre und Vincent in Bezug auf Moral und Anstand unrettbar in der Abwärtsspirale.
Irgendwann sprudeln in der Folge aus allen Anwesenden die im Laufe der Jahre angestauten Anschuldigungen, Vorwürfe und Lebensbeichten heraus wie der Schampus aus der Formel-1-Siegerpulle. Endlich einmal Luft machen, die Leichen aus dem Keller spülen, Mütchen kühlen.
Das Ensemble bringt die oszillierende Gefühlslage der Protagonisten an diesem Abend gut auf den Punkt. Beinahe jeder Streitpunkt bewirkt eine neue Paktbildung. Hans-Werner Leupelt, als vermögender Geschäftsmann Vincent nah am betriebswirtschaftlichen Pragmatismusideal, und Tobias Beyer, als linksintellektueller Professor im Elfenbeinturm nah am humanistischen Bildungsideal, geben die verbal kämpfenden Antipoden mit Schmackes. In der Disziplin „wie man sehr gut gegen seine eigene Überzeugung argumentieren kann, wenn es den anderen nur zur Weißglut bringt“ sind beide echte Könner.
Moritz Dürr als Claude („irgendwie ist er immer nicht“) und Martina Sruppek als „Babou“ Elisabeth spielen die Zurückstecker im familiären Konstrukt. Die Abgründe ihrer Figuren – unerwartete Liebe hier, unerwartet großes Frustpotenzial dort – tun sich freilich in unterschiedlicher Dezibelzahl auf. Struppek erhält in Sykoschs sehr filmischer Inszenierung Raum für einen furiosen Abrechnungs-Alleingang.
Erst als viel Mobiliar zerschlagen und die Stadtsilhouette von Paris im Kleinen Haus auf Nacht gedimmt ist, scheinen mit der Geburt des Kindes alle zur Räson gerufen. Die zwei turbulenten Stück-Stunden mit viel Wort- und Dialogwitz enden geradezu friedlich. Kräftiger Applaus. Infos: staatsheater-braunschweig.de .
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