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Kunst und Kultur ziehen hinter dicke Mauern

Sicht von Südost: Wie dicht die Straße an der Kemenate vorbeiführt, ist hier gut zu sehen. An dieser Seite schloss sich das Vorderhaus mit direktem Zugang in den steinernen „Tresor“ an. Foto: T.A.
 
Gleicher Blickwinkel, neue Situation: So soll der Neu- und Erweiterungsbau nach dem Entwurf der O. M. Architekten aussehen. Die Kemenate und die Kunst darin sollen Teil der Ausstellung sein.

Die Karin-und-Joachim-Prüsse-Stiftung will nach der Kemenate am Eiermarkt auch die „kleine Schwester“ an der Hagenbrücke mit Leben füllen.

Von Marion Korth, 24.08.2014.

Braunschweig. Der Verkehr schrammt knapp an der Hausecke vorbei, kein guter Ort für einen Dornröschenschlaf. Die Kemenate an der Hagenbrücke scheint aus der Zeit gefallen. Ein Rest Mittelalter inmitten der Moderne. Jetzt ist es mit dem unruhigen Schlaf vorbei: Mittelalter und Moderne sollen eins werden.

Die Pläne, die Architekt Rainer Ottinger entrollt, sind geprüft und genehmigt. Baubehörde und Denkmalschutz sind einverstanden. Nach dem Vorbild der großen Schwester, der Jakob-Kemenate am Eiermarkt, wird Kunst in die Trutzburg einziehen. – Dauerausstellungen mit Werken des Bildhauers Jürgen Weber und des Malers Günter Affeldt.

Der Ansatz, dem Alten etwas Modernes entgegenzusetzen, ist gewollt, ebenso die optische Annäherung an die Jakob-Kemenate, deren inhaltliches Konzept nun auch an der Hagenbrücke greifen soll. „Unser Interesse ist es, nicht nur die Kemenate zu erhalten, sondern sie auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagt Henning Lange, Geschäftsführer der Karin-und-Joachim-Prüsse-Stiftung. Die Stiftung hat die Kemenate von der Stadt gekauft, will sie nach dem Beispiel der Jakob-Kemenate mit kulturellem Leben füllen.

Für Kunst wäre in dem Steinhaus mit nicht einmal 30 Quadratmetern Grundfläche hinter fast einen Meter dicken Mauern vielleicht genug Platz, nicht aber für die Besucher. Deshalb muss ein Anbau her. Er beherbergt Foyer und Ausstellungsraum, ist zusätzliches Treppenhaus. Von außen wird rostiger Stahl den Kontrapunkt zum historischen Rogenstein bilden. „Eine Bauskulptur“, sagt Ottinger. Halb wird sie in das umfriedete Gärtlein gesetzt, lugt als abgesetzte Stahl-Holz-Konstruktion über die dicke Mauer. Eine Art architektonische Camera obscura, ein rechteckiger Tunnel, 3,5 Meter breit, 15 Meter lang, an dessen Enden sich ein ungewöhnlicher Panoramablick nach Westen und Osten öffnet.

Bis zum Wintereinbruch soll der Neubau wetterfest sein, bis März hoffen der Architekt und die Prüsse-Stiftung auf Fertigstellung. Die Umbauarbeiten laufen bereits, bislang als vorsichtiges Herantasten an die historische Substanz, die erhalten und wenn möglich in Szene gesetzt werden soll. Doch weder von der einstigen Feuerstelle noch von den Wandbemalungen fanden sich bis jetzt Spuren. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus, nur die Mauern ragten danach noch als Skelett in den Himmel. Dem Studenten Dieter Buck sei zu verdanken, dass die Kemenate überhaupt noch steht. Er begann schon 1946 mit dem Wiederaufbau, nutzte das Häuschen anschließend als Wohnung.

Die Kemenate war in ihrer Entstehungszeit, der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, keine Insel, sondern rundherum von Fachwerkhäusern umzingelt. Sie diente als Schutzraum für Menschen vor Brand und feindlichen Eindringlingen, als Rückzugsraum in kalten Wintern, denn sie war beheizbar, und als begehbarer Tresor für wertvolles Gut. Eine Tür nach außen hatte sie zunächst nicht. „Der Zugang erfolgte direkt vom Vorderhaus aus, das auf der Straße stand“, sagt Denkmalpfleger Udo Gebauhr. Dorthin ist eine Erweiterung unmöglich, stattdessen wächst das Ensemble im Norden.

Die räumliche Situation, die durch den Anbau entsteht, bringt etwas von der ursprünglichen Enge des Mittelalters zurück. Der Zugang durch den Garten darf bleiben, greift eine geschichtliche Besonderheit auf. Nachdem die Kemenate nämlich um 1630 den Besitzer gewechselt hatte, brauchte dieser eine Tür, konnte schlecht durch das Haus der Nachbarn „einsteigen“.
Braunschweig hatte ungewöhnlich viele Kemenaten, um die 150 wohl, heute sind es, so Gebauhr, noch drei.
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1 Kommentar
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Karlheinz Räke aus Lehndorf-Watenbüttel | 20.09.2014 | 11:04  
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