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„Körper können nur schwer lügen“

Ballettchefin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny verlässt Braunschweig: „Aber bis dahin geben wir alles“, verspricht sie

Von Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. „Du drehst Dich um, und da siehst Du die Angst“ – Eva-Maria Lerchenberg-Thöny erklärt den gewünschten Ausdruck, springt von der Stuhlkante hoch, dreht sich federnd um die eigene Achse. Der Tänzer vor ihr schaut genau hin, nimmt die Bewegung auf, tanzt mit. Wieder und wieder und wieder – die immergleiche Bewegung. Alltag einer fremden Welt.

Seit zwei Jahren prägt die Arbeit von Lerchenberg-Thöny die Ballettszene der Stadt. Die Menschen sind der Chefchoreografin am Staatstheater gleich gefolgt. „Ich bin hier auf ein sehr offenes Publikum getroffen“, erzählt sie von einer großen Bereitschaft, sich mit ihren Produktionen auseinanderzusetzen. Doch sie geht – kehrt Braunschweig den Rücken. „Ich mag nicht drüber reden“, wehrt sie mit diesem charmanten österreichischen Dialekt die Frage nach Gründen ab.
„Körper können nur schwer lügen“, wird sie später über empfindsame Seelen hinter trainierten Muskeln sagen. Wer ihr bei der Arbeit zusieht, weiß, was sie meint: Das gemeinsame Ringen um die perfekte Bewegung, den einen besonderen Winkel, den einen besonderen Ausdruck.
Die Angst, die sie in der Bewegung ihrer Tänzer heute sehen will, gehört zu ihrer aktuellen Produktion „Don Quijote“. Die Premiere ist schon etwas her, doch das Stück bleibt auf dem Trainingsplan. „Wenn du aufhörst zu üben, bist du verloren“, beschreibt sie, „du musst das Tanzen leidenschaftlich lieben, dann ist der Beruf Erfüllung.“
Wie für sie. Es funkte direkt beim Ballettunterricht, zu dem die Mutter – eine Augenärztin – daheim in Innsbruck ihre drei Töchter angemeldet hatte. „Der guten Haltung wegen“, vermutet die einzige hauptberuflich tanzende Tochter heute. Anfangs hatten die Eltern noch die Hoffnung, ihre Eva werde Latein studieren, doch bereits mit 13 Jahren tanzte das junge Mädchen täglich. Stundenlang.
Ihr Talent setzte sich durch, gleich nach der Matura ging sie nach Wien an die Musikhochschule. Extremes Lampenfieber drohte ihr die Karriere zu vermasseln, „ich war häufig so aufgeregt, dass ich Angst hatte, nicht tanzen zu können“, erzählt Lerchenberg-Thöny. Ein Kollege gab ihr eine Strategie an die Hand: Atmen, konzentrieren, jeden Schritt in Gedanken durchtanzen.
Das hat gewirkt. Schon bald tanzte sie an der bayerischen Staatsoper die Solopartien in Klassikern wie Giselle, Schwanensee, Nussknacker. Gerade 22 Jahre alt war sie da. Und wollte mehr. Kündigte ihre Festanstellung und machte sich auf den Weg: Sie arbeitete mit zeitgenössischen Choreografen in ganz Europa, traf ihre große Liebe, den Schauspieler Michael Lerchenberg, 1984 kam der gemeinsame Sohn Max zur Welt. Ihre beiden Männer begleiten sie häufig, deren Kritik ist ihr wichtig, deren Liebe das Fundament der Künstlerin. Im Rückblick scheint es fast, als ob sich die Wünsche dieser Frau immer passend zur ihrer Lebenssituation erfüllt hätten. Ein Glückskind? „Ja, schon“, räumt sie ein, „aber ich habe auch immer hart gearbeitet für diesen Erfolg“, fügt sie an. In ihrer Selbstständigkeit mit einer eigenen Compagnie in München, bei Gastaufträgen rund um die Welt, bei festen Engagements an verschiedenen Häusern.
Und in ihrer Auszeit. „Ich hatte genug“, blickt sie gut zehn Jahre zurück, „ich war des Kämpfens müde.“ Sie begann zu schreiben, Zeitungsartikel über Drogenprobleme an Schulen, ein Kinderbuch über Friederike, die U-Bahn-Maus. Alles erfolgreich – klar. Ganz Schluss sollte sein mit dem Tanz. „Niemand außer mir hat das wirklich geglaubt“, weiß sie heute.
Und so tanzt sie wieder. Zurzeit in Braunschweig. Dass sie ihren Vertrag am Staatstheater über 2010 hinaus nicht verlängert hat, schiebt sie beiseite. „Wir sind noch anderthalb Jahre hier, und da geben wir alles“, verspricht sie. Ihre Tänzer sind schon dabei. Wie fast jeden Tag von 10 bis 19 Uhr im Probenraum. In feinen Rinnsalen läuft der Schweiß hinter dem Ohr entlang in den Nacken. „Können wir weiter?“, fragt die Chefin. Klar, sie können. Noch wichtiger: sie wollen.
Eva-Maria Lerchenberg-Thöny treibt zu Höchstleistungen. Wenn sie nicht selbst das Training leitet, entstehen in ihrem Kopf und in ihrem Herzen die Geschichten, die sie als nächstes in Bewegungen umsetzen wird: Wie die Unterdrückung von Frauen in ihrem Stück „Bluthochzeit/Yerma“ rechtsradikale Übergriffe in „Jagdszenen“ oder – ganz aktuell – „Don Quijote“, den mutigen Ritter, den Lerchenberg-Thöny in einer Nervenklinik seine Wunder vollbringen lässt.
Es gibt kein Manuskript, keine Skizzen, keine Zeichnungen – die Choreografin hat alles vor ihrem geistigen Auge. Schritt für Schritt überträgt sie dieses Bild auf ihre Tänzer. Immer wieder die gleichen Bewegungen – und immer wieder Verbesserungen. Ab und zu ein kurzes befreiendes Lachen, dann wieder Konzentration, Schweiß, Training, Training, Training – jeden Tag, stundenlang. Fremde Welt.
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