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Klassentreffen für die Massen

Hartmut Engler und seine Band Pur begeisterten das Publikum in der VW-Halle Foto: André Pause
 

5500 Fans feierten ein Wiedersehen mit der schwäbischen Pop-Institution Pur in der VW-Halle.

Von André Pause, 09.04.2016.

Braunschweig. Diese Band aus dem schwäbischen Bietigheim-Bissingen ist schon irgendwie ein Phänomen. Aus einer Schülerband erwachsen, haben Pur Mitte der 90er-Jahre angefangen, im Zwei- bis Dreijahresrhythmus ein Erfolgsalbum nach dem anderen zu veröffentlichen.

Damals polarisierte der hemmungslos softe Stil der Band ebenso wie die eskapistischen Texte der Deutschpopper. Heute haben sich die Wogen geglättet. Wer die Band früher mochte, mag sie heute wahrscheinlich immer noch. Denen, die sie nicht mochten, ist sie anno 2016 womöglich aus Gründen der Altersmilde egal.
Man muss sich ja nicht gleich mögen, um sich zu respektieren. Dass respektvoller Umgang mit dem jeweiligen Gegenüber der Schlüssel zu einem friedvollen Miteinander ist, daran lässt PUR-Frontmann Hartmut Engler beim Konzert, eine Art Klassentreffen für die Massen, in der VW-Halle keinen Zweifel aufkommen. „Achtung und Respekt. Es geht nur so, sonst wären wir auch nicht immer noch da“, nimmt der Sänger Bezug auf die Lyrics des titelgebenden Stücks des aktuellen Albums „Achtung“. Er redet überhaupt sehr viel, moderiert die Songs an und ab, nutzt die Redezeit gleich mehrfach, um Stellung zur derzeitigen politischen Lage, zur Flüchtlingsdebatte, zu den Fragen unserer Zeit zu nehmen. „Mehr als 14 Millionen Menschen wurden hier nach dem Krieg integriert, und wir beschweren uns jetzt über ein paar Hunderttausend. Das ist doch arm“, wird Engler vor „Wenn sie diesen Tango hört“ besonders deutlich.

Der mild politische Song ist zugleich das emotionale zwischenmenschliche Highlight des Abends, denn die Band koppelt den Klassiker mit dem neuen Song „Anni“ zu einer gefühligen personalisierten Rückschau auf 90 Jahre deutsche Geschichte. Anni ist die Mutter des Sängers, einmal groß im aufwendigen Multimedia-Backround zu sehen.

Dass er das neue Stück nicht komplett singen könne, ohne das Heulen anfangen zu müssen, nimmt man Engler sofort ab. Und das ist wohl das eigentliche Erfolgsrezept der Dauerbrenner Pur: die Authentizität. So kitschig, manchmal sogar peinlich, manches neue oder alte Lied letztlich sein mag, die Musiker auf der Bühne verfahren nach dem Motto „What you see is what you get“. Keine falschen Versprechen, die Mannen um Engler sind Spezialisten im Bereich Herzschmerz, und manchmal halt ein bisschen mehr.
Den Umstand, nicht auf Teufel komm raus intellektuelle Fallhöhe liefern zu müssen, scheint die Band ebenso zu genießen, wie das Publikum. Auch wenn Letzteres nach Jahren der Pur-Abstinenz ein Weilchen braucht, um warm oder gar heiß zu laufen. Die Musiker ihrerseits servieren in hochprofessionellem Surrounding – ob Licht oder Sound: alles tipptop – ihre zahlreichen Hits wie „Freunde“, „Lena“, „Indianer“, „Abenteuerland“ oder „Funkelperlenaugen“, das in Braunschweig mit Swing-Anleihen präsentiert wird, gut gestreut über gut und gerne zweieinhalb Konzertstunden. Im üppigen Zugabenset spielen Engler und Co. neben beliebten Stücken wie „Drachen sollen fliegen“, „Prinzessin“ oder „Graues Haar“ auch ein gemeinsames Stück mit den Musikerinnen der Vorband Klima. Kein eigenes, sondern deren Song „Schwesterherz“.

Zu später Uhrzeit sucht Hartmut Engler im Fotografengraben den direkten Kontakt zu den Fans, klatscht ab, schüttelt Hände, um dann zur finalen Diagnose zu schreiten: „Es war ein grandioser Abend.“ Die 5500 Besucher werden das ähnlich gesehen haben.
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