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Kitsch trifft Wahn: Europäische Wirklichkeiten

Wanderausstellung: Preisgekrönte Dokumentarfotografien werden bis 26. September im Photomuseum Braunschweig gezeigt .

Von Sebastian Walther, 29.08.2010

Braunschweig. Osteuropäischer Kitsch trifft sozialistischen Sportwahn, bevölkerte Industrielandschaften und verwaiste Schulkinder – eine sehenswerte Ausstellung widmet sich seltener Fotokunst.

Erst Braunschweig, dann Washington: Bis zum 26. September zeigt das Museum für Photographie die Wanderausstellung Dokumentarfotografie. „Eine aussterbende Spezies“, bescheinigt Museumsleiter Florian Ebner. „Es handelt sich um ein Randfeld der künstlerischen Fotografie, das immer seltener Raum in Zeitungen und Zeitschriften findet.“ Wie aussagekräftig solche „Abbildungen der gesellschaftlichen und sozialen Wirklichkeit“ (Ebner) jedoch sein können, beweisen die in der Helmstedter Straße 1 und 171 ausgestellten Arbeiten. Wie das „Land ohne Eltern“, das Andrea Diefenbach 2007 suchte und fand. Sie dokumentierte den mühevollen Alltag von Kindern in Moldau, deren Eltern oftmals für Jahre als Putzfrau oder Erntehelfer Tausende von Kilometern weit entfernt arbeiten. Fotografien der auf sich gestellten Kinder setzt sie Bildern aus dem tristen Arbeitsalltag der Erwachsenen gegenüber.
Es sind die Gegensätze, die alle vier Ausstellungen, Preisträger der Wüstenrot Stiftung, letztlich eint. „Folgelandschaften“ zeigt die touristische Nutzung ehemaliger Abbaugebiete für Braunkohle, dokumentiert Urlauber an den künstlichen Stränden und Wildwasserfahrten in den einstigen Industrieanlagen. „In den Arbeiten geht es viel um das Gesicht Europas“, hat Ebner festgestellt, „gezeigt werden die alten und neuen Wunden.“ Die können durchaus auch farbenfroh, kitschgetränkt und lebensbejahend daher kommen, wie sie der ukrainische Fotograf Golovchenko in seinem Heimatland aufgespürt hat: „Auch 17 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine haben es die Menschen dort nicht geschafft, sich von den alten sozialistischen Denkmustern zu befreien. Dem Traum vom westlichen Ausland versuchen sie näher zu kommen, indem sie es imitieren.“
Noch weiter zurück reichen Margret Hoppes Einblicke in „Die Kammer“, ein einstiges unterirdisches Trainingszentrum der DDR im brandenburgischen Nadelwald. Die Zeit ist hier stehen geblieben in den längst verwaisten grauen Räumen mit alten Wimpeln an der Wand und Tapetenmustern der 70er Jahre. Nach Stationen in Darmstadt und Ludwigshafen endet die Ausstellung im Oktober in Washington.
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