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Kirche vom Grabbeltisch – provokante Kunst

Kooperationsprojekt „Himmelsstürmer 2011“: 16 Arbeiten für elf Braunschweiger Mittelalterkirchen sind ausgewählt.

Von André Pause, 26.09.2010.


Braunschweig. „Kunst und Glaube – das knirscht ja immer ein bisschen“, sagt Edith Grumbach-Raasch, Projektkoordinatorin beim Bund Bildender Künstler (BBK), „obwohl die Auseinandersetzung darüber, ob es Kunst zum Glauben braucht, eine alte ist“. Im Projekt „Himmelsstürmer 2011“ jedenfalls treffen die beiden Pole aufeinander.

Die inhaltlichen Weichen sind bereits gestellt. 26 Künstler aus Braunschweig, Bremen und Leipzig sowie Studierende der Hochschule für Bildende Künste waren durch Braunschweiger Kirchen gepilgert und haben sich inspirieren lassen. 44 Arbeiten wurden schließlich eingereicht. 16 Kunstprojekte in elf Kirchen sollen verwirklicht werden. Mitte nächsten Jahres gibt es dann etwas zu sehen.
„Das Anliegen des temporären Projektes ist, viele Menschen mit aktuellen künstlerischen Positionen an historischen Orten zu berühren und gleichzeitig die Besonderheiten der Stadt mit ihrer Dichte an mittelalterlichen Kirchen neu ins Licht zu rücken“, erklärt Grumbach-Raasch. „Unsere Kunst setzt sich mit den Gemeinden wirklich auseinander“, versichert sie. Die Künstler seien fasziniert, sowohl von den Kirchen selbst, als auch vom Kirchenpersonal. „Es gab allerdings Werke, die ich persönlich ganz toll fand, bei denen die Pastoren aber sagten: das bitte nicht“, ergänzt Grumbach-Raasch schmunzelnd. „Es muss schon eine Auseinandersetzung mit dem Ort stattgefunden haben. Die Kirche ist nicht bloß Ausstellungsraum, die Kunst ist für die Kirche“, stellt Probst Thomas Hofer klar.
Sarkastisches, für manchen vielleicht sogar zynisches Potenzial hat insbesondere das Projekt „Kirche im Schlussverkauf“ von Kerstin Schulz aus Gehrden bei Hannover, welches an und in der St. Michaelis-Kirche zu sehen sein wird. Für die Außenfassade der Kirche hat die Künstlerin große Plakate geplant, die das Gotteshaus mit typischen Slogans zum Verkauf anbieten. Der Innenraum soll optisch zweigeteilt erscheinen: Eine Hälfte überzogen mit grellorangenen und roten Sonderpreisetiketten, die den Schnäppchencharakter hervorheben. Die andere vollgestellt mit Grabbeltischen, die für Supermarktatmosphäre sorgen.
Der ernste Hintergrund dieser Installation: Wie alle Kirchen in Deutschland kämpft auch die Braunschweiger Landeskirche um ihre Zukunft. Sämtliche Gotteshäuser zu unterhalten wird zusehends zu einem Problem. Mancherorts blieb nur die schmerzhafte Lösung, Kirchen zu entweihen und zu verkaufen. Auch St. Michaelis könnte solch ein Schicksal drohen. So hat ein finanzkräftiger Nachbar sein Interesse an der kleinen Kirche bereits bekundet. „Diese Kirche ist so etwas wie eine Kiezkirche. Fast 50 Prozent der Kinder unserer Gemeinde leben an der Armutsgrenze, wir haben viele Hartz IV-Empfänger und Migranten“, sagt Pastor Christoph Berger, der anmahnt, darüber nachzudenken, wie in der Zukunft mit Gebäuden umgegangen werden soll.
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