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„Kein Fachidiot, der nur an Mathematik dachte“

Carl Friedrich Gauß hat in Braunschweig neue Freunde gefunden

on Marion Korth

Braunschweig. Jakobstraße 2, die kleine Kneipe war einmal. Die Gauß-Freunde sind jetzt in das Fachwerkhaus eingezogen. Im Raum hängt schwach der Geruch von Bier und Rauch, dabei weht längst ein ganz anderer Wind: der von Wissenschaft und Weltoffenheit.

Das Gauß-Haus ist das Ergebnis einer enttäuschenden Suche auf den Spuren des großen Mathematikers, Geodäten, Astronomen und Physikers Carl Friedrich Gauß, der am 30. April 1777 in Braunschweig zur Welt kam und hier gewirkt hat. „Eine Gauß-Schule, eine Apotheke und eine Straße, das ist in der Geburtsstadt von Gauß einfach zu wenig“, sagt Younouss Wadjinny. Deshalb hat der 27-Jährige nachgebessert. Seit Oktober vergangenen Jahres gibt es den Verein „Internationaler Kreis der Carl Friedrich Gauß- Freunde“. 90 Mitglieder hat der mittlerweile, mehr als 30 Aktive, die Younouss Wadjinnys Begeisterung teilen. In Braunschweig studiert der Marokkaner Mathematik an der Technischen Universität. Wegen Gauß, von dem er erstmals in der Grundschule gehört hatte, kam er 2004 überhaupt aus Afrika hierher. Er hält diesen Gelehrten für eine der wichtigsten Figuren in der Menschheitsgeschichte.
„Ohne Gauß könnten wir von Albert Einstein, dem Popstar der Wissenschaft, nicht sprechen“, sagt Wadjinny. Gauß hat die Grundlagen für dessen Erkenntnisse gelegt. Aber das ist es nicht allein. „Obwohl Gauß in seinem Leben nie aus Deutschland herausgekommen ist, war er ein Weltbürger.“ Er interessierte sich für Literatur, für fremde Sprachen. „Er war 60, als er in zwei Jahren Russisch gelernt hat“, sagt Wadjinny. „Und er schrieb die schönsten Liebesbriefe.“ Alles in allem: „Er war kein Fachidiot, der sich nur für Mathematik interessiert hat.“
Anknüpfungspunkte genug, um unter dem Namen Gauß ein kleines Kulturzentrum zu etablieren. Weltoffenheit gehört zum Programm. Studierende geben Sprachkurse in ihren Muttersprachen Englisch, Spanisch, Arabisch, Französisch und Deutsch (für Menschen anderer Nationalität). Freitags öffnet das „Café literaire“, da wird gelesen, über Geschichte und Kultur gesprochen, manchmal philosophiert. Oder der Astro-Stammtisch, eine Gesprächsrunde über Astronomie. Beim Blick in die Sterne soll die Bodenhaftung nicht verlorengehen. „Fachwissen ist nicht erforderlich“, betont Wadjinny. Auch die Wissenschaftler, die dazu kommen, hätten einen populärwissenschaftlichen Ansatz.
Auch wenn es um die „Magie der Mathematik“ für Schüler geht, wollen die Gauß-Freunde beweisen, dass Mathematik keine dröge Sache ist. Spielen, Spaß haben, das sei das Ziel. Ganz nebenbei hat das Wadjinny noch auf eine neue Idee gebracht. Boxen und Schach – ein Wettstreit wechselweise im Ring und am Schachbrett – gibt es schon, aber Taek-Won-Do und Mathe, diese Kombination soll mit dem Judo-Club angeboten werden.
Damit es Gästen der Stadt nicht so ergeht wie anfangs ihm, hat er mittlerweile eine rund sieben Kilometer lange Stadtführung ausgetüftelt. Jeden ersten Sonntag im Monat zeigt er nicht nur, wo Gauß geboren worden ist, wo er am liebsten die Sterne beobachtet hat und an welcher Stelle er beinah in der Oker ertrunken wäre.
Führungen, Kurse – alle Aktivitäten dienen dazu, den Gauß-Gedanken mit Leben zu füllen und nebenbei Geld in die Vereinskasse zu bringen. „Wir verfolgen definitiv keine finanziellen Interessen, aber die 900 Euro Monatsmiete für das Gauß-Haus, die brauchen wir“, betont Wadjinny. Ein Euro symbolischer Mitgliedsbeitrag je Mensch und Monat reicht nicht.
Ideen gibt es dafür mehr als genug. Als nächstes Projekt steht der Geburtstag von Carl Friedrich Gauß am 30. April, der gemeinsam mit dem Haus der Wissenschaft vorbereitet wird, an. Und spätestens nach diesem Tag werden viele Braunschweiger wissen, was es mit dem regelmäßigen 17-Eck auf sich hat…

Kontakt:

• Internationaler Kreis der Carl Friedrich Gauß Freunde, Jakobstraße 2, Braunschweig, Telefonnummer 22 43 86 00, Internet:
www-gauss-freunde.de
• Jeden ersten Sonntag im Monat Gauß-Stadtführung, Einzeltermine für Gruppen können unter der Nummer 2 25 69 00 vereinbart werden.
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