Anzeige

Käfer Karl – einfach weggentrifiziert

Premiere des neuen Stadt-Theater-Stückes im Haus Drei: „Das Paradies ist umgezogen“.

Von André Pause, 12.12.2012.

Braunschweig. „Das Paradies ist umgezogen“, behauptet das Stadt-Theater-Ensemble des Staatstheaters in ihrer gleichlautenden, neuen und mittlerweile fünften Produktion, die jetzt im Haus Drei Premiere hatte.

Ein dickes Brett haben sie sich da vorgenommen, die 25 Laiendarsteller und das Produktionsteam um Regisseur Uli Jäckle: Gentrifizierung, also die sukzessive sozioökonomische Umstrukturierung von Stadtteilen, meist durch den Zuzug statushöherer Schichten. Verwoben wird dies noch mit Aspekten der Veränderung in der Tier- und Umwelt.
Die sehr wirklichkeitsnahen, oft sehr persönlichen Geschichten, Schilderungen und Szenarien aus dem sich verändernden Alltag der Akteure werden patchworkartig verbunden. Und zwar mit Szenen aus der Zeichentrickserie „Als die Tiere den Wald verließen“, Anton Tschechows Stück „Der Kirschgarten“ und einem Gesangspart: „Karl der Käfer“, 1983 im Original gesungen von der Gruppe Gänsehaut.
Mit den synchronen Lippenbewegungen von Fuchs, Eule, Wiesel und Co. zur Trickserien-Tonspur aus dem Off (lustig) sowie dem von der jungen, insgesamt toll agierenden Elsa Feulner angestimmten und später vom gesamten Ensemble intonierten Neue-Deutsche-Welle-Song „Karl der Käfer“ (rührend) sind auch gleich zwei Höhepunkte der 80 Stückminuten erwähnt.
Übertroffen wird das noch von Stefan Krense und Hilke Simon. Hier trifft Veltenhöfer Biederkeit auf Ex-Uferstraßenbewohnerin. Zum Schießen, wie die beiden als Vermieterin und Vermieterinnenanwalt den am besten doppelt verbeamteten und friedhofsruhigen Wunschmieter mit Hang zum Auswärtsduschen skizzieren. Sehenswert ist außerdem „Maklerin“ Hera Simon. Anschaulich erklärt sie – „Maklern braucht man nicht lernen, kann jeder“ – wie sich die Mieterlöse einer Vierzimmerwohnung im Westlichen Ringgebiet durch eine Investition von 21 500 Euro von 4,88 Euro auf 8,50 Euro pro Quadratmeter steigern lassen.
Ein gutes Beispiel. Dass neue, zahlungskräftigere Mieter für Wohnungen Schlange stehen, zeigt sich hier, auch realiter, bereits jetzt. Mal schauen, wann sich die ersten Bewohner des Westlichen Ringgebietes ein neues Paradies suchen müssen.
Das dicke Brett wurde solide gebohrt. Zurecht starker und langer Applaus im Haus Drei.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.