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Jeder Anfang ist schwer

An 93 Orten wurde beim ersten Braunschweiger Vorlesetag vorgelesen – Resonanz verhalten.

Von Marc Wichert, 18.11.2012.

Braunschweig. Was wurde nicht alles gelesen beim 1. Braunschweiger Vorlesetag – Märchen, Weihnachts- und Kurzgeschichten, Novellen. So vielfältig die Geschichten waren, so Wenige kamen, um zuzuhören. Die, die mitmachten, waren dennoch begeistert.

Die drei Frauen, die bei Borek am Dom auf den Stühlen saßen und Rosita von Jeinsen lauschten, lächelten leise. Die knapp 20 Zuhörer bei Graff schmunzelten und nickten an dieser oder jener Textstelle mit den Köpfen. Die Kinder bei Jako-O saßen mit offenem Mund da und schienen in ihrer Fantasie die Bilder zu malen, von denen die Weihnachtsgeschichte kündete, aus der ihnen Nicole Petrich vorlas.
So wie beim Briefmarkenhändler, der Buchhandlung und dem Kindergeschäft wurde am Freitag beim ersten Braunschweiger Vorlesetag an 93 Orten im ganzen Stadtgebiet vorgelesen, vom Hospiz über Schulen und Arztpraxen bis hin zu Kirchen und Einzelhändlern. Der Vorlesetag findet bundesweit schon seit neun Jahren statt. Die Bürgerstiftung will das Projekt nun auch in Braunschweig etablieren. „Wir wollen es auf einer möglichst niedrigen Stufe allen Leuten möglich machen, dabei zu sein“, erzählt Bettina Krause, eine der Projektkoordinatorinnen der Bürgerstiftung. Quasi eine „selbstgemachte Kulturnacht für alle“. Anmelden konnte sich jeder. 250 Vorleser haben mitgemacht, erzählt Krause. Zwar habe es einige Veranstaltungsorte gegeben, wo die Vorleser vor leeren Stühlen saßen. Aber es gab eben auch das Gegenteil. „Die Orte waren gut gefüllt, wenn die Veranstalter selbst dafür Werbung gemacht haben“, sagt sie. Dafür, dass der Vorlesetag das erste Mal veranstaltet wurde, seien alle „nicht unzufrieden“. Ein Streifzug durch die City bestätigte diesen Eindruck.
Bei Graff etwa las Michaela Barnsdorf aus Kurt Tucholskys „Die Kunst, falsch zu reisen“, und zwar mit ihren Händen. Barnsdorf ist nämlich von Geburt an schwer sehbehindert, wie sie nach 15 Minuten unentwegten Tastens ihrer Hände über die Braille-Schrift, einer speziellen Blindenschrift, dem Publikum erzählte. Dass sie gerne liest, hat sie erzählt, und dass es in den vergangenen Jahren dank Computer und Software sehr viel mehr Möglichkeiten gebe, an Bücher für Blinde zu kommen. „Aber um diese Schrift lesen zu können, muss man viel üben“, sagte sie und ließ ihre Finger wieder über Tucholskys Satire fliegen. Die Zuhörer waren beeindruckt und genossen die Geschichte, die viele von ihnen zu kennen schienen.
Ein paar Hundert Meter weiter bei Jako-O waren die sechs Kinder hingegen in einer eher märchenhaften Welt – vertieft saßen sie auf Kissen um Nicole Petrich, die aus einem großen Buch eine Weihnachtsgeschichte vorlas. Den Kindern gefiel‘s sichtlich, und auch Filialleiterin Kerstin Krieger war jetzt zufrieden, nachdem bei der ersten Lesung nur zwei Kinder zuhörten. „Na ja, für das erste Mal ist es doch noch ganz schön geworden“, sagte sie, die sofort begeistert zugesagt hatte, als sie von dem Projekt gehört hatte. Vielleicht, sagt sie aber noch, und spricht damit für viele der anderen Veranstalter, müsse im nächsten Jahr noch mehr darauf aufmerksam gemacht werden.
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