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Jede Geste macht das Grauen fassbar

Lächeln wie gemalt, das Kriegsgrauen in Gesten und Blicken: Christophe Vetter (v.l.), Philipp Grimm, David Kosel (vorn), Mario Neumann und Christoph Vetter spielen um ihr Leben. Fotos: Volker Beinhorn
 
Gespenstisch: Alissa Kolbusch (Bühne und Kostüm) hat ganze Arbeit geleistet.

„Im Westen nichts Neues“: Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters – Auf die Kraft des Wortes und der Imagination vertraut.

Von Marion Korth, 26.11.2014.

Braunschweig. Geschützdonner, schreiende Pferde, die Bäuche aufgerissen, Beine, die sich in herausquellenden Därmen verfangen. Paul, Kat, Tjaden und die anderen horchen. Dieses Schreien, dieses schreckliche Schreien. Alle hören es, auch das Publikum. Dabei ist es totenstill auf der Bühne, keine Schreie, keine Pferde. „Im Westen nichts Neues“ setzt auf die Kraft des Wortes und der Imagination.

Am Sonnabend hatte das Schauspiel nach dem weltberühmten Roman Erich Maria Remarques im Kleinen Haus des Staatstheaters Premiere. Eine starke Vorstellung, die verschweigt und verhüllt und doch erzählt und zeigt. Das Grauen ist da – ganz nah. Zu sehen in Leers (Christophe Vetter) weitaufgerissenen Augen, in der erstarrten Mimik dieser jungen Männer, die nicht fassen können, was ihnen da vorn, an der Front geschieht. Das Stück ist glänzend besetzt, Tobias Beyer mit seinen Lachfalten ist der perfekte Katczinsky, Andreas Vögler brilliert als respektloser Tjaden. Jeder Einzelne spielt bis an den Rand der Erschöpfung, das macht es so fesselnd.

Nicolai Sykosch bedient sich in seiner Bearbeitung religiöser Symbolik, um die Hingabe der „jungen Helden“ zu untermalen. Wie Hostien nehmen sie aus Himmelstoß’ Händen die Identifikationsmarke entgegen, die aus Schülern Soldaten macht. Ihr Gott ist der Krieg, „denn der Friede ist faul“, lässt er Paul Bäumer ganz am Anfang sagen, eines der wenigen hinzugefügten Zitate, um die Stimmung zu Beginn des Ersten Weltkrieges fassbar zu machen. Und hinauszudeuten auf kommende, ja aktuelle Zeiten, in denen sich Menschen wieder in den Dienst von Gewalt und Terror stellen lassen.

Dicht hält sich Sykosch an die Vorlage, lässt aber nicht allein Paul Bäumer (Philipp Grimm) erzählen. Der Krieg bekommt viele Gesichter und Geschichten. Bis die Kriegsmaschinerie sie zermalmt. Geduckte Gestalten, Kreuze, immer mehr Kreuze, stapeln sich, werden bearbeitet, weitergereicht, schneller, immer schneller, aus Menschen werden Gestalten – Bandarbeit im Auftrag des Todes. Eine Szene voller Dramatik. Mitreißend.

Und dann sind die jungen Darsteller wieder auf sich selbst gestellt. Es zerreißt einem das Herz, wie David Kosel als Franz Kemmerich da blass und spitznasig sitzt. Ein bisschen abgerückt schon von den anderen. Ein Bein verloren, aber das ist nicht genug. Sein Tod ist beschlossene Sache, egal, wie sehr sich seine Kameraden mühen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Paul Bäumers (Philipp Grimm) Lächeln wie gemalt, fahrige Gesten, Hände, die nicht halten können, was sie versprechen. Im Hintergrund wacht aalglatt der Gesandte des Todes. Raphael Traub perfektioniert die Seelenlosigkeit in seiner Doppelrolle als sadistischer Unteroffizier Himmelstoß und gefühlskalter Sanitäter.

Es ist Sommer, es ist Herbst, es wird Winter. Auf der Bühne wird es leerer. Augen und Herzen, die sehen und schlagen – nur mit Leben hat das nichts zu tun. Über den Tod hinaus bleiben die Figuren auf der Bühne am Leben, geben ihre Marke ab, geschlagen und doch fast erleichtert.

Kopfschuss, Paul Bäumer hat es erwischt, ein letztes Mal werden Stiefel weitergereicht. Ende. Stille wie betäubt, dann Applaus. Die normale Welt kehrt zurück.
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