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Integration geht über Tod hinaus

Muslime wünschen sich einen Ort, um gemäß ihres Glaubens ihre Toten zu verabschieden.

Von Marion Korth, 09.12.2012.

Braunschweig. Die CDU spricht von „Bevormunden“, die anderen Parteien wünschen sich eine gemeinschaftliche Konzeptentwicklung. Das Ziel aller ist ein rituelles Wasch- und Trauerhaus, wie es sich die Muslime in Braunschweig, allen voran der Rat der Muslime, für einen würdevollen Abschied von ihren Toten wünschen.

Aykut Günderen von der CDU und erster Ratsherr muslimischen Glaubens brachte das Thema im Rat vor. Dem entsprechenden Antrag der CDU steht nun ein gemeinsamer Änderungsantrag von SPD, Grünen, Bibs, Linken und Piraten gegenüber. „Auch wir wollen das rasch und sorgfältig voranbringen“, sagt dazu Dr. Helmut Blöcker (Grüne), stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Integrationsfragen. Keiner solle bevorzugt oder benachteiligt werden. Die Muslime seien die größte Gruppe, doch rituelle Waschungen würden von vielen Religionen praktiziert. Sie alle sollen beteiligt werden, um ein rituelles Waschhaus zu realisieren. Ähnlich wie zuletzt für das Haus der Kulturen stellen sich die Parteien eine Konzeptentwicklung auf breiter Basis vor.
CDU-Fraktionsvorsitzender Klaus Wendroth kontert scharf, den Grünen gehe es nicht um Teilhabe, sondern darum, zu bevormunden. „Die inhaltliche Ausgestaltung der Totenwäsche regelt die Religion. Es ist unsensibel und eben nicht respektvoll, wenn darüber, wie hier vorgeschlagen, eine Projektgruppe entscheiden soll. Das ist ja so, als wenn wir Domprediger Hempel vorschreiben wollten, wie er den Gottesdienst an Heiligabend gestalten soll“, heißt es in seiner Stellungnahme. Die rituelle Totenwäsche werde nur bei Muslimen und Juden praktiziert. Da die Bürger jüdischen Glaubens bereits heute ihre Toten in ihrer eigenen Kapelle auf dem Hauptfriedhof waschen, hätten sie kein Interesse an einer Mitnutzung. Ausschussvorsitzender Thorsten Köster (CDU) meint, dass die Muslime zum Spielball der Politik gemacht werden sollen. „Ich sehe die Gefahr, dass dieses gute Projekt zerredet werden soll, weil es in den Augen der Grünen von der falschen Fraktion vorgeschlagen wurde.“
Bislang finden die Totenwaschungen provisorisch im Klinikum statt, die Trauerfeier mit Gebeten in den jeweiligen muslimischen Gemeinden. Waschung und Gebet sollen auf dem Gelände des Hauptfriedhofes zusammengeführt werden. Nur wie, das wirft noch Fragen auf. „Jeder hat ein Recht darauf, seine Toten würdevoll zu bestatten“, sagt Pröpstin Uta Hirschler. Bereits seit 1994 gebe es auf dem Friedhof ein muslimisches Grabfeld. Die Idee, im Keller der Kapelle eine Möglichkeit für die Waschungen zu schaffen, sei wegen fehlender technischer Voraussetzungen verworfen worden. Also doch eher ein Neubau auf dem Gelände. „Über Größe und Konzept gab es bereits gute Gespräche“, sagt Pröpstin Hirschler. Am Freitag wurden sie fortgeführt. Geklärt werden müssten unter anderem noch Fragen der Finanzierung, der Gebührenberechnung, der Trägerschaft.
Aykut Günderen hatte in seiner Begründung für das rituelle Wasch- und Trauerhaus von einem „Ort des Abschieds“ und einem „Zeichen der Ankunft“ gesprochen. Für die rund 11 000 Menschen muslimischen Glaubens, die in zweiter oder dritter Generation hier leben, sei Braunschweig zur Heimat geworden. Das gelte auch für ihn ganz persönlich.
Der Ausschuss für Integrationsfragen setzt seine Beratungen am nächsten Mittwoch fort.
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