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Immer sind die Anderen schuld

Mitreißende Premiere von Lutz Hübners „Frau Müller muss weg“ im ausverkauften Kleinen Haus.

Von André Pause, 25.01.2012.


Braunschweig. Das nächste Zeugnis ist entscheidend, und für einige Schüler der Klasse 4b sieht es notentechnisch gar nicht gut aus. Richtiggehend abgesackt sind die. Damit es mit der Gymnasialempfehlung für den Nachwuchs noch hinhaut, sehen die Eltern nur noch einen Ausweg: Die Klassenlehrerin Frau Müller muss weg.

Die Premiere des komödiantischen Lutz Hübner-Stückes im Kleinen Haus des Staatstheaters riss die Besucher jetzt 90 Minuten lang mit: Durch einen Misstrauensantrag möchten die Eltern die bis dato nichtsahnende Frau Müller dazu bringen, die Klasse abzugeben. Eigentlich sind sich auch alle Anwesenden einig, und so werden letzte Details des Schlachtplans im kargen Klassenzimmer besprochen.
Doch dann durchkreuzt diese Müller (Sandra Fehmer) sämtliche Überlegungen, indem sie das erste Mal in ihrer 19-jährigen Pädagogenkarriere ihre Prinzipien über Bord wirft und die Schüler abwatscht. Infolgedessen beginnt die Elternfront zu bröckeln. Während die Lehrerin zunächst nicht im Traum daran denkt, abzutreten und sich ungehalten von dannen macht, bekommen sich die anwesenden Mütter und Väter aufgrund der Müller’schen Sicht der Dinge in die Haare. Kein Wunder, denn die klar gezeichneten Charaktere der Revoluzzertruppe sind so verschieden, wie Menschen eben sein können. Da gibt es die an und für sich recht gefasste Museumspädagogin Katja Grabowski (Theresa Langer), deren Sohn Fritz zumindest schulisch wenig Probleme hat, den im Herzen guten, impulsiven Wendeverlierer Wolf Heider (Mattias Schamberger), die kalkulierende Verwaltungsbeamtin und Elternsprecherin Jessica Höfel (Nientje Schwabe), den rationalen Ingenieur Patrick Jeskow (Moritz Dürr) und nicht zuletzt dessen prinzipienreitende bisweilen völlig am Rad drehende Gattin Marina (Martina Struppek). Als die neugierigen Eltern die vermeintlich aktuelle Zensurenliste aus Müllers zurückgelassener Handtasche kramen, trifft sie fast der Schlag: Die Noten sind besser als erwartet. Als die eben noch zum Sündenbock gestempelte Pädagogin zurückkehrt, um den herrlich verdatterten Eltern mitzuteilen, dass sie aufgrund ihrer Prinzipienvergessenheit nun doch gedenke, zurückzutreten, überschlagen sich die Hochleistungsopportunisten plötzlich mit Treueschwüren. In einer Ad-hoc-Abstimmung erheben sich alle Arme für die in ihrer Tasche kramende Müller, deren lakonische Feststellung, nur die Notenliste des ersten Halbjahres dabeizuhaben, letztlich blankes Entsetzen und Schockstarre in die Gesichter der Eltern zaubert.
„Frau Müller muss weg“ ist glänzende Unterhaltung mit ernstem Fundament. Denn Eltern, die in Bezug auf ihre Kurzen an Komplettverblendung leiden, und sich in andere-sind-Schuld-Manier selbstredend nie eigenes Versagen eingestehen würden, gibt es wahrscheinlich ebenso zahlreich wie verzogene Quälgeister. Regisseur Nicolai Sykosch tut Gut daran, dem Ensemble genügend Freiraum zur Entfaltung der Charaktere zu geben. Die Schauspieler nutzen ihn gekonnt.
Wer eine punktgenaue Zuspitzung entscheidender Aspekte des Themas Bildungsmisere erleben möchte, sollte sich das Stück ansehen – und alle anderen auch. Zur restlos ausverkauften Premiere gab es völlig zu Recht langen und kräftigen Applaus. Weitere Termine: 29. Januar sowie 2., 5., 10., 21. und 28. Februar.
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