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Im Hinterzimmer des Wahnsinns

Maskenbildnerin Julia Markow widmet sich der Optik von Schauspieler Mattias Schamberger. Fotos: André Pause
 
Das Ensemble holt sich den verdienten Applaus für den nackten Wahnsinn.

Lässt sich der Moment des „Schalterumlegens“ beim Gang auf die Theaterbühne beobachten?.

Von André Pause, 12.03.2014.

Braunschweig. Die Welt hinter dem Theatervorhang ist eine Welt für sich, möchte man meinen. Anspannung, Erleichterung, das Hochfahren von 0 auf 100 beim Betreten der Bühne, das Ausbremsen beim Verlassen derselben, die punktgenaue Konzentration auf Text und Rolle.

Was passiert mit den Schauspielern im Augenblick des eigenen Sichtbarwerdens für das Publikum und im Moment des Zurückwechselns in die Unsichtbarkeit? Das Stück „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn, das in der als sehr gelungen anzusehenden Fassung des Regisseurs Nicolai Sykosch derzeit im Staatstheater zu erleben ist, lässt einen wahren Strauß an Gedanken rund um diese Frage entstehen, zeigt die Geschichte im zweiten Akt doch herrlich überspitzt ein Ensemble, dass sich Backstage beinahe zerfleischt, auf der Bühne jedoch versucht die Handlung aufrechtzuerhalten und den Schein zu wahren.
Auch wenn dieses inszenierte Bild kein realistisches ist: In diesem Moment entsteht der Wunsch beim Zuschauer, die magische Szenerie am Bühnenrand beziehungsweise hinter den Kulissen zu beobachten, allein um zu sehen, ob das erkennbar wird, was oft mit dem „Umlegen des Schalters“ beschrieben wird, und inwiefern sich gespielte und „wahre“ Gefühle, Regungen und Verhaltensweisen unterscheiden lassen.
Weder die Theaterleitung, die Mitarbeiter noch das Ensemble haben etwas gegen das etwas intimere Kiebitzen einzuwenden. Also beginnt das kleine Abenteuer etwa eine bis anderthalb Stunden vor der Aufführung. Das Ensemble trifft ein. Maske, Einkleiden und individuelle Vorbereitung – Reihenfolge ohne Gewähr –, dieser Dreikampf will bewältigt werden. Für den Beobachter eine beinahe geräuschlose Angelegenheit. Mattias Schamberger sitzt tiefentspannt auf dem Stuhl von Maskenbildnerin Julia Markow, Moritz Dürr kontrolliert die korrekte Funktion der Bühnentüren, und Martina Struppek checkt die Sardinenteller auf dem Requisitenwagen. „Die Schauspieler haben schon so ihre Rituale. Manche suchen die Ablenkung, andere wollen einfach Ruhe“, beschreibt Dramaturgin Charlotte Orti von Havranek. In der Tat: Während Struppek und Dürr den Eindruck vermitteln, dass sie selbst Minuten vor Beginn des Stückes noch Schwätzchen halten könnten, ziehen sich andere zurück. Abgeschottet von allem steht Oliver Simon im Magazin mit dem Rücken zur Tür und geht seinen Text durch, David Kosel dehnt sich am hinteren Bühnenrand.
Auf der Damenseite des Großen Hauses spricht Wiltrud Schreiner unterdessen mit Souffleuse Katja Gliese. „Jetzt geht es nur noch um kleine Sachen, auf die ich aufmerksam mache. Bei der Aufführung selbst bin ich eher seelische Stütze“, meint die Frau mit dem großen Textbuch. Schreiner ist mit Ursula Hobmair im Umkleideraum. Beide sind schon recht früh mit den optischen Vorbereitungen durch. „Bei diesem Stück bin ich schon anderthalb Stunden vorher da, und einer muss ja auch anfangen“, meint Hobmair.
Dann geht es los. Inspizient Heiko Angerstein gongt das dritte Mal und wirft – die Besucher haben ihre Plätze eingenommen – einen letzten Blick hinter die Bühne. Das Ensemble steht im Pulk, wirkt konzentriert aber locker. Es wird dunkel. Das Auf- und Abtreten durch die vielen Türen in der Folge ist vergleichbar mit einem überaus geordneten Taubenschlag. Rika Weniger flüstert dem Kollegen Schamberger etwas zu, Ursula Hobmair und David Kosel verständigen sich mit knappen Worten und Handzeichen, sortieren Kleidungsstücke, kichern ein wenig und warten auf den nächsten Einsatz. Schließlich helfen zwei Damen aus der Kostümabteilung Moritz Dürr bei einer Umkleideaktion. Dann ist der erste Akt auch schon vorbei. Gelöst geht es in die Pause. „Boah, ich schwitze“, sagt der Dürr milde lächelnd im Vorbeigehen. Trinken würde helfen, denkt man, doch Martina Struppek ist im Hinterzimmer des nackten Wahnsinns die Einzige, die etwas für ihren Wasserhaushalt tut, im Off gleich mehrfach zur bereitgestellten Wasserflasche greift. „Ja, so sieht das von hier aus, nicht so spannend, oder?“, unkt Julian van Daal, Regieassistent und Abendspielleiter in Personalunion, in Richtung außerplanmäßiger Beobachter.
Zumindest ahnt der Backstage-Besucher, dass die stückimmanente Hektik des zweiten Aktes realiter niemals zu erleben sein wird. Alles läuft sehr gesittet ab. Für Lockerheit oder persönliche Momente, so macht es den Eindruck, ist vor allem deshalb Platz, weil für die Schauspieler vieles Routine darstellt. Das wird unter anderem deutlich sichtbar, wenn sie auf einer Art Einwechselbank am Rand der Hinterbühne Platz nehmen und anscheinend abschalten. Auf die jeweiligen Stichworte heben sich Köpfe, wird aufgestanden und zur vorgesehenen Bühnentür geschlendert. Automatismen. Alles scheint einfach so zu passieren.
Bleibt abschließend die Erkenntnis: Vollständig erklären lässt sich der Zauber des „Schalterumlegens“ durch bloße Beobachtung nicht. Ein bisschen enttäuscht ist man da zunächst, aber irgendwie auch sehr beruhigt. Die Magie bleibt Magie.
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