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„Ich will packen, bewegen, begeistern“

Philipp Kochheim vor einem Foto in seinem Büro im Großen Haus. Der 43-Jährige verantwortet als neuer Operndirektor seit wenigen Wochen den Spielplan im Musiktheater. Foto: T.A.

Philipp Kochheim ist am Start – Die erste eigene Inszenierung als Operndirektor ist „Anna Karenina“ – Premiere im Februar.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 05.01.2014.

Braunschweig. „Gemeinsam mit anderen etwas aushecken, das liegt mir mehr, als allein Konzepte abzuwägen “, beschreibt Operndirektor Philipp Kochheim seine Art, die Dinge im Musiktheater zu bewegen. Seit März ist er am Staatstheater unter Vertrag, seit wenigen Wochen verantwortet er den Opernspielplan.

„Ich brauche keine Traviata unter der Autobahnbrücke“, formuliert er eine klare Absage an mit Gewalt auf modern getrimmte Operninszenierungen. „Und Stoffe, wie ’Zar und Zimmermann’ beispielsweise, die keinen mehr interessieren, sollen sie woanders auf die Bühne bringen“, sagt er, „vielleicht in Hannover“, fügt der 43-jährige Opernchef lächelnd hinzu.
Sein letztes Engagement als Oberspielleiter in Darmstadt endete 2008 im Streit. Und in einer Art Trauma für den studierten Kunsthistoriker Kochheim.
Fairness und Transparenz
Eigentlich war er danach durch mit der Institution Theater – bis Braunschweigs Generalintendant Joachim Klement kam und ihn in „sein Haus“ einlud. „Ich habe hier eine ganz besondere Atmosphäre von Fairness und Transparenz angetroffen“, sagt Kochheim, „ich bin jetzt seit gut einem halben Jahr hier und noch nicht ein einziges Mal wurde die Kritik persönlich, wir haben ein sehr konstruktives Klima, es geht allen um die gleiche Sache.“
Um gutes Theater – so einfach ist das. Und so schwer. Denn auch der neue Operndirektor weiß um sinkende Abonnentenzahlen, mangelnden Zuschauernachwuchs, kennt die Debatten um Kosten und Subventionen.
Erfolg ist für Philipp Kochheim eine Notwendigkeit. Wirtschaftlich, aber auch für sein Verständnis von Theater. „Wir wollen gesehen werden“, sagt er, „ich habe da schon so etwas wie einen missionarischen Eifer, ich möchte Begeisterung erzeugen – auch jenseits der 30 Opernstandardwerke.“
Dafür setzt er auf Profis. „Die Besucher werden das schnell an den Regisseuren merken, die ich nach Braunschweig verpflichte“, kündigt er an. Ja, auch der Nachwuchs brauche seine Chance, aber nicht um jeden Preis. „Dafür ist die Bühne zu groß, das Haus zu bedeutend.“
Thaddeus Strassberg ist der Erste aus dieser Profiriege, der im Auftrag von Kochheim in Braunschweig inszenierte – den Einstand sozusagen.
Sprung ins kalte Wasser
Ein Sprung ins kalte Wasser, denn mit der Oper „Die Reise des Edgar Allan Poe“ hat er dem Publikum vor wenigen Wochen eine great American opera serviert, die zwar bei der Uraufführung 1976 in Minneapolis gefeiert wurde, aber hier auch gut hätte durchfallen können. Ist sie nicht. Das Braunschweiger Premierenpublikum hat gejubelt, geklatscht und vor Begeisterung mit den Füßen getrampelt. „Erst als ich da mitten unter den Besuchern saß, wurde mir klar, welch hohes Risiko ich mit dieser eher unbekannten Oper eingegangen bin“, erzählt Kochheim. „Aber es hat gezündet“, sagt er und strahlt vor Freude.
So soll es weitergehen. Seine erste Inszenierung als Operndirektor in Braunschweig stellt Philipp Kochheim am 15. Februar vor – „Anna Karenina“. Wieder ein Wagnis, denn die Oper wurde 1934 zum letzten Mal aufgeführt. Zwar wurde das Werk des jüdischen Komponisten Jenö Hubay bei der Uraufführung 1914 in Ungarn gefeiert und bis in die 1930er Jahren gab es erfolgreiche Aufführungen im deutschsprachigen Raum, aber dann verschwanden die Werke „des Juden“ von den Spielplänen. „Und nach 1945 traf ihn das gleiche Schicksal wie viele andere jüdische Komponisten auch“, erzählt Kochheim, „er geriet in Vergessenheit.“
Auch für Kochheim war die Oper eine Entdeckung, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. „Bei einem Urlaub in Budapest habe ich die Partitur in einem Antiquariat gefunden“, beschreibt er den Anfang.
Und da er ein guter Klavierspieler ist, konnte er sich gleich daran setzen und hören, was in den Noten steckt. „Zumindest konnte ich die Farben der Musik erahnen“, räumt er ein. Und war völlig begeistert. „Es ist einfach wunderbare Musik“, schwärmt er. Und die Geschichte kenne eh fast jeder, „eine hoch komplizierte Liebesgeschichte, nach wie vor aktuell“, fügt Kochheim an.
Opulentes Bildtheater
Die Besucher dürfen sich auf opulentes Bildertheater freuen, Kochheim, der auch selber Bühnenbilder entwirft, ist ein visueller Mensch. „Äußerlichkeiten – vor allem im Theater – sind mir wichtig, auch wenn das bei manchen Kollegen verpönt ist.“ Er will filmische Effekte auf der Bühne erzielen, die Figuren möglichst genau zeichnen, die Inszenierung soll packen, bewegen, begeistern. „Dafür brauche ich starke Bilder.“
Und starke Interpreten. Sehr genau sucht Kochheim nach den passenden Besetzungen. „Eine Anna Karenina beispielsweise muss neben der Stimme auch noch Attraktivität mitbringen, sie muss so schön sein, dass die Frauen sie bewundern und die Männer sie am liebsten von der Bühne rauben möchten“, erzählt er von seinen Ansprüchen und schwärmt von seiner Wahl, der Sängerin Nadja Stefanoff, die alle seine Ansprüche locker erfülle. „Anders funktioniert es nicht“, ist der Regisseur überzeugt, „die Geschichte glaubt uns doch sonst kein Mensch.“
Glaubhaftigkeit ist ihm ein wesentliches Kriterium bei der Spielplanung. Die klassischen Opern von Verdi bis Mozart werde er immer ins Programm nehmen; „weil Menschen ein Recht darauf haben zu erfahren und zu sehen, was sich die berühmten Komponisten gedacht haben“, begründet Kochheim. „Und die wirklich guten Opern sind so gut, da muss heute kein Regisseur mit Gewalt etwas Modernes drüberstülpen.“
Daneben wird es viel Neues geben, Cross-over mit Tanz oder Musical, vergessene Schätze wie die „Anna Karenina“.
Um seinen Ansatz unters Volk zu bringen, sind Philipp Kochheim viele Mittel recht. Er „fängt“ das junge Publikum dort ab, wo es gerade ist: auf Facebook, an der Uni, vor den Schlossarkaden, mit Links und Likes, auf Blogs, mit Flashmobs und weiß der Himmel was noch. Da wird er noch eine Menge aushecken – gemeinsam mit anderen.

Fakten:

Philipp Kochheim wurde 1970 in Hamburg geboren und studierte Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Neuere Deutsche Literatur in München. Von 1995 bis 2000 war er Assistent von John Dew, unter anderem an der Wiener Staatsoper und am Nationaltheater Taipeh. 1997 schrieb er das Libretto zu Gerhard Rosenfelds Oper „Kniefall in Warschau“ (Uraufführung an der Oper Dortmund).
Seit 1998 eigene Inszenierungen in Oper, Musical und Schauspiel.
2004 bis 2008 war er Oberspielleiter der Oper am Staatstheater Darmstadt.
Ab der Spielzeit 2013/14 ist Philipp Kochheim Operndirektor am Staatstheater Braunschweig.
2003 wurde er mit dem „Otto-Kasten-Preis“ der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins ausgezeichnet, 2004 bekam er den Götz-Friedrich-Preis für Regie.
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