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„Ich möchte bitte auch lesen lernen“

Ein Auslandsprojekt mit Vorbildcharakter: Die deutsche Kirchenschule in Addis Abeba feiert 40. Geburtstag.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 15.04.2012.


Braunschweig. „Diese unglaubliche Freude der Kinder darüber, dass sie eine Schule besuchen dürfen – das haut mich jedes Mal aufs Neue um.“ Domprediger Joachim Hempel packt gerade wieder die Koffer für seine Reise zur „German Church School“ in Addis Abeba in Äthiopien.

Zum 40. Geburtstag der Schule wird er in der angrenzenden Kirche predigen, anschließend liest er den Schülern einen Brief vor, in dem die Geschichte der Schule kindgerecht und unterhaltsam aufgeschrieben steht – verfasst von seiner Frau Gisela, die gemeinsam mit Joachim Hempel die Gründerjahre der Schule mitgestaltet hat.
Ein junges Paar waren sie damals, gerade verheiratet, als Pastor Hempel 1973 die Chance ergriff und für ein Jahr in die deutsche Gemeinde nach Äthiopien ging.
„Social Neighbourhood“ hieß das Motto, unter dem die deutsche Gemeinde erste Kontakte zu den Nachbarn knüpfte. „Eine Schule war anfangs gar nicht geplant“, erzählt Gisela Hempel, die sich im frisch gebauten Kindergarten engagierte, „doch die extreme Armut der Menschen in den Slums von Addis Abeba zwang uns geradezu, aktiv zu werden“, blickt sie zurück. Zunächst ging es um wenigstens eine Mahlzeit am Tag, sauberes Wasser, Schuhe. „Aber klar war auch, dass der Schlüssel zu dauerhafter Veränderung Bildung hieß“, sagt Joachim Hempel.
Aus kleinen Anfängen mit rund 25 Schülern ist ein anerkannter und professionell arbeitender Schulkomplex gewachsen, der in ganz Äthiopien – und darüber hinaus – als vorbildhaft gelobt wird. „Diese Schule ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Deutsche im Ausland sich fernab von Volkstümelei oder Abgrenzung zusammenfinden und aktiv und sinnvoll in einem Land integrieren“, sagt Hempel.
Wesentlich für den Erfolg ist dabei die sprichwörtliche Augenhöhe zu den Menschen der Umgebung. Direktor Ato Teklu Tafesse und sein Lehrerkollegium sind gut ausgebildete einheimische Fachkräfte, die gemeinsam mit den deutschen Nachbarn das Leben an der Schule gestalten und bestimmen.
Finanziell hat die Bildungseinrichtung feste Partner wie die Kindernothilfe und Brot für die Welt, die mit regelmäßigen Zahlungen den Betrieb sichern. „Aber nach wie vor sind wir sehr auf Spenden angewiesen“ wird Joachim Hempel nicht müde, die Braunschweiger zum Geben zu animieren. „Hier kommt jeder Euro an“, versichert der Geistliche. 80 Kinder pro Jahr können neu eingeschult werden, „mindestens 800 stehen zu diesem Termin auf dem Schulhof und hoffen auf eine Chance“, erzählt Hempel von schweren Entscheidungen und den Tränen derjenigen, die weggeschickt werden müssen.
Und längst kommen auch die Eltern. „Das war eine wunderbare Erfahrung“, erzählt Hempel, „als die ersten Mütter gemeinsam mit ihren Kindern kamen und sagten: Ich möchte bitte auch lesen lernen.“
Heute werden Berufs- und Erwachsenenbildung ebenso angeboten wie Computerkurse, und – ein ganz besonders Projekt – Patenkindereinsatz für die vielen blinden Schüler. Durch Fliegen verlieren zahlreiche Kinder in Äthiopien ihr Augenlicht, das Patenprojekt gibt ihnen die Chance, dennoch zur Schule zu gehen. Das Lehrmaterial wird von den Lehrern in ihrer Freizeit in Blindenschrift übersetzt. „Das Engagement der Menschen ist wirklich beeindruckend“, sagt Hempel.
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