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„Ich habe nie auf die Charts geachtet“

Axel „Aki“ Bosse in Aktion. Mit seiner Band ist der sympathische Musiker am 20. August auf der BraWo-Bühne im Raffteich-Bad zu erleben. Foto: André Pause

Am 20. August kommt Bosse mit seinem Album „Engtanz“ zum Raffteich Open Air – Noch sind Karten erhältlich.

Braunschweig/Hamburg, 26.07.2016.

Im Frühjahr hat Bosse mit seiner sechsten Studioplatte „Engtanz“ als erster Braunschweiger überhaupt die Spitzenposition der Albumcharts erreicht. Am 20. August (Einlass 18 Uhr) kommt der Wahl-Hamburger mit seiner Band zum Raffteich Open Air in die alte Heimat. Im Vorprogramm spielen die Newcomer RAZZ. André Pause sprach mit Axel „Aki“ Bosse unter anderem über ein neues Steckenpferd, die Schwierigkeit, den Moment zu genießen und Musik auf der Straße.

? Aki, wir führen das Interview relativ früh am Tag. Ungewöhnlich früh für einen Künstler. Ich habe neulich gehört, dass Du morgens neuerdings immer läufst. Hast Du Dein Programm heute schon hinter Dir?

! Nee, nee, ich bin auch ein bisschen fertig. Bei mir ist es gerade so: Meine Frau spielt bei den Nibelungenfestspielen in Worms und ich bin mit meiner Tochter jetzt schon seit anderthalb Monaten hier. Also quasi alleinerziehend. Wir haben meine Frau am Wochenende besucht und sind gestern Nacht wiedergekommen. Jetzt mache ich erst mal ganz normale Sachen: Einkaufen, ein bisschen Gartenarbeit und Wäschewaschen. Nachher geht’s noch mal ins Studio und um 15.30 Uhr hole ich die Tochter von der Schule ab. Ich gehe heute Abend joggen: mit meinem Nachbarn, wenn der von der Arbeit kommt.

? Das Laufen schiebt ja ein bisschen die Gedanken an. Hat es Dich schon mal auf Ideen gebracht, die Du für Deine Songs verwerten konntest?

! Ja und nein. Wenn ich ehrlich bin: Eigentlich hasse ich das Joggen. Ich komme vom Fußball und vom Tennis. Ich brauche immer etwas, wo ich gegentreten oder gegenschlagen kann. Das mit dem Laufen habe ich angefangen, weil ich frei entscheiden kann, zum Beispiel wenn ich auf Tour bin und in Hotels wohne. Da kann ich dann einfach kurz eine halbe Stunde rausgehen. Es fällt mir aber immer noch ein bisschen schwer. Und ich finde das auch selbst immer noch nicht so megagut, mittlerweile komme ich aber öfter in diesen Flow, sodass ich Sachen vergesse. Die Gedanken können so ein bisschen fliegen. Am schönsten ist aber der Moment danach. Nach der Dusche, wenn man merkt, dass man etwas geschafft hat. Dann kann ich gut kreativ sein. Der Körper ist leer und man fühlt sich irgendwie gut.

? Sport ist eine Möglichkeit einen Tag zu strukturieren. Auf Deiner aktuellen Platte „Engtanz“ geht es auch viel um Struktur: um die Neuordnung im Leben, die Prioritätenverschiebung mit Anfang bis Mitte dreißig. Es gibt irgendwann ein neues Koordinatensystem. Wie hast Du diese Phase bei Dir erlebt, unterscheidet sich da vieles von Otto Normal?

! Ich glaube, gar nicht so immens. Bei mir ist die Geschichte ganz einfach: Ich bin in Braunschweig geboren, bin dann einigermaßen früh nach Berlin gezogen und habe erst mal ein Leben aus der Wohngemeinschaft heraus in die Stadt gelebt: ein bisschen Mucker sein, ein bisschen Nebenjob. Ein freies und tolles Leben. Mir haben aber total viele Sachen gefehlt, wie zum Beispiel ein richtiges Zuhause, eine tolle Frau oder eben auch ein Kind. Das habe ich mir da schon immer gewünscht. An dem Tag, an dem das alles geklärt war – Liebe, Frau, Kind, der Umzug nach Hamburg – da hatte ich schon das Gefühl, dass die Uhren irgendwie anders ticken, dass diese Zeit, diese Form der Jugend auf eine bestimmte Art und Weise vorbei ist. Ich mag den Zustand aber ganz gerne: Ich weiß, was ich habe, kann manchmal auch ganz entspannt „Nein“ sagen, weil ich natürlich auch viel mehr Sachen erlebt habe. Ich denke, dass ich viel entspannter geworden bin und nicht mehr so häufig das Gefühl habe: Ich verpasse alles. Das hatte ich früher ganz oft.

? Ist die Platte „Engtanz“ so etwas, wie ein kleines Museum, in dem die einzelnen Geschichten Deiner Vergangenheit archiviert und ausgestellt sind. Wo man noch mal schauen kann, wie es damals war?

! Das ist bei mir ja immer so. Wenn ich irgendwann mal 70 bin und mir die Alben anhöre, dann kann ich, glaube ich, schon raushören, wie es mir in den zwei Jahren des Erschaffens so ging. Ich kann ja immer nur das machen, was ich erlebe, was mich umtreibt, interessiert oder berührt, mich traurig oder wütend macht. Das ist jetzt bei „Engtanz“ so, bei den Alben davor aber auch. Es sind die Wasserstände, die ich abgeben kann.

? Dann betrachten wir doch mal den Zeitraum vom „Kraniche-Livealbum“ (2014) bis jetzt. Wie hat sich der Wasserstand da verändert?

! Wenn ich ehrlich bin: irgendwie gar nicht. Mein Leben besteht daraus, dass ich immer zwischen zwei Welten hin und her springe. Einmal diese Musikwelt, die ziemlich stressig ist – aber auch genauso schön. Und dann diese andere Welt: Hamburg, meine Freunde, meine Familie. Da ist in den letzten Jahren alles relativ gleich geblieben.

? Was immer bleibt, ist diese grundsätzliche Form der (Sinn)-Suche, das beschreibst Du unter anderem in Deinem Song „Insel“. Ist das ein Umstand, den Du grundlegend positiv siehst, oder denkst Du manchmal auch: Der Augenblick ist gerade so schön, der könnte jetzt ruhig mal dauerhaft Bestand haben?

! Das Gefühl habe ich eigentlich ziemlich oft, wobei ich am Ende immer sage: Man weiß ja nie, wie es weitergeht, was noch passiert. Jeder hat ja Bock eine sichere Basis oder einen Plan zu haben. Am Ende ist es aber so: Wenn man einen guten Moment hat oder etwas Tolles passiert, dann muss man das genießen, weil es auch superschnell wieder vorbei sein kann. Das ist irgendwie ein bisschen doof, aber auch der Vorteil im Leben. Sonst würde ja nie jemand den Moment genießen.

? Manchmal muss man sich zwingen ...

! Das merke ich jetzt auch, weil ich eben keine 23 mehr bin. Ich sage mir selbst super oft: Auch wenn Du gerade gestresst bist – genieß das jetzt bitte. Sei im Moment, und nicht immer mit Deinem Kopf irgendwo anders. Bei „Kraniche“ hatte ich dieses Gefühl häufig, auch weil das Album so schnell erfolgreich war. Ich kann mich an den Gema-Preis erinnern. Da war ich so müde, gestresst und überfordert, dass ich in dem Moment das Gefühl hatte: Ich bin ganz woanders und kann mich gar nicht so richtig freuen. Das kam dann erst später.

? „Engtanz“ ist Dein erstes Album, das in den Charts auf die Eins gegangen ist. Wie hast Du das erlebt, und was ist Dir da durch den Kopf gegangen?

! In dem Moment saß ich gerade im Zug – aber wirklich richtig durchgeschossen. Die Tage, bevor das Album kommt, sind ja immer sehr anstrengend. In diesem Fall war ich war am Vorabend bei Einslive in der Nachtsendung, bis um 2.30 Uhr, musste um 5 Uhr aber schon wieder Soundcheck machen im Morgenmagazin, habe im Anschluss eine eigene Sendung gehabt im Deutschlandfunk, bin dann weiter von Köln nach Würzburg, habe dort noch mal zwei bis drei Stunden Interviews gemacht und bin danach im Zug gesessen. Und dann kam die Nachricht. Da habe ich mir sofort einen Rotkäppchen aufgemacht, völlig übermüdet „Juchuh!“ geschrien und bin dann ziemlich schnell eingepennt, weil ich so fertig war (lacht).

? Aber genießen konntest Du den Erfolg schon?

! Manchmal kann ich mich für mich gar nicht so freuen, das meinte ich eben ein bisschen damit. Ich konnte schon immer besser Geschenke verteilen als annehmen. Ich habe mich dann natürlich für mein Team gefreut: Die Leute aus meinem Management, die seit 13 Jahren an meiner Seite sind, Tag und Nacht für diesen Augenblick arbeiten, oder die Mitarbeiter der Plattenfirma, die zwar eine große ist, wo aber auch Menschen arbeiten, mein Zehnerteam, das ich da so habe. Die haben sich das alle so sehr verdient, dass das Ding mal auf die Eins geht. Für die ist das ja auch geschäftlich wichtig. Ich selbst habe noch nie so richtig auf Charts geachtet. Ich finde es immer gut, wenn ich Konzerte spielen kann und da Leute kommen, die dabei etwas fühlen. Oder wenn ich ein meiner Meinung gutes Album mache. Das ist mir viel wichtiger. Aber in diesem Moment habe ich mich wirklich gefreut.

? Das die Leute etwas mit Deiner Musik verbinden zeigt sich auch auf andere Weise. In der Braunschweiger Fußgängerzone habe ich jetzt dreimal einen jungen Musiker gesehen, dreimal hat er „Die schönste Zeit“ gespielt. Ist Dir Deine Musik selbst schon mal auf der Straße begegnet?

! Ich hatte gerade vorgestern eine solche Szene in Worms. Da saß ich in einem Café mit dem Rücken zur Straße. Und da kamen Skaterboys an, die haben „So oder so“ gesungen. Es ging um einen Zeltausflug, und die haben sich irgendwie gestritten. Einer sagte etwas mit „so oder so“ und der andere hat es dann gesungen. Es gibt ja auch auf Youtube Leute, die Songs neu interpretieren. Manchmal ist das ganz süß, manchmal ist es ganz schlimm und manchmal ist es supergeil! Ich ziehe mir da eigentlich alles rein, was im Netz kreucht und fleucht.

? Komplette Songs hast Du auf der Straße aber noch nicht gehört?

! Nee, direkt als Straßenmusik noch nicht. Da muss ich echt mal nach Braunschweig kommen. Mit 13, damals war ich schon auf der Kleinen Burg, siebte Klasse, glaub ich, da habe ich mich ja auch immer vor den Citypoint in die Fußgängerzone gesetzt. Damals war der noch einigermaßen neu und voll besetzt, mit Schauland und so. Da habe ich Gitarre gespielt und gesungen. Das habe ich also auch schon alles hinter mir.

? Am und im Citypoint hat sich einiges geändert ...

! Als das Southside-Festival ausgefallen ist, war ich mit meiner Background-Sängerin für einen Tag in Braunschweig. Da bin ich das erste Mal überhaupt ins Schloss gegangen. Für mich – ich bin ja gar nicht so oft da – ist es immer noch so, dass ich das Schloss und dieses ganze neue Braunschweig gar nicht kenne. Wenn ich in der Stadt bin, bin ich immer am Kohlmarkt, trinke dort einen Kaffee, gehe zum Citypoint – und wundere mich, dass da keiner ist (lacht).

? Am 20. August spielst Du wieder in Braunschweig auf der BraWo-Bühne im Raffteichbad. Das machst Du jetzt regelmäßig, oder?

! Alle zwei Jahre. Das ist jetzt das dritte Mal. Beim ersten Mal haben wir mit Madsen gespielt, danach alleine und jetzt gibt es eine richtige Bosse-Engtanz-Show. Ich meine, es ist mittlerweile ganz kurz vor ausverkauft. Ich habe auf jeden Fall richtig Bock, und es kommen natürlich total viele Leute, die ich kenne – und die ganze Familie ist da. Das ist tagsüber immer sehr angenehm, weil ich meine Oma besuchen kann, die wohnt nicht weit weg. Danach noch mal schnell vom Fünfer springen und dann geht auch schon das Konzert los. Eigentlich ist es immer wunderschön da, im Raffteich. Es ist für uns ja auch nicht so normal, dass wir vor 5000 bis 6000 Leuten spielen. In Braunschweig ist das aber möglich, und das ist natürlich eine große Ehre. Das wird auf jeden Fall ein guter Abend, wir werden eine halbe Stunde länger spielen als sonst, werden uns ein paar Extrasachen ausdenken.

Tickets unter der Hotline: 0531 / 16606.
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