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„Howie, ti aaamooooo“

Howard Carpendale beim Auftritt in der Stadthalle. Foto: Fahem

Howard Carpendale begeistert in der Stadthalle – Cool-lässige Bühnenshow, viele Geschichten.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 13.02.2016.

Braunschweig. „Isch versuch misch zu erinnern, welsches Lied jetzt kommt“ – Auftaktkonzert in Braunschweig. Howard Carpendale startet in der Stadthalle den zweiten Teil seiner „Jetzt ist unsere Zeit“-Tournee.

Zwei-, dreimal reißt der Faden, macht aber gar nichts, weil er ihn gleich wiederfindet – oder eben einen anderen weiterspinnt. Mehr als 1700 Fans hängen an seinen Lippen, achten auf jedes Wort, auch wenn nicht immer alles zu verstehen ist.

Macht aber auch nichts, denn seit 45 Jahren pflegt der Südafrikaner seinen Akzent, seit 45 Jahren sagt er „sch“ statt „ch“. Und das deutsche Schlagerherz hat das aufgesogen.

Lässig-elegant, ein bisschen dicker geworden, mit weißem Hemd über der Hose zum dunklen Anzug, steht er zwischen seinen Backgroundsängern. „Hi“ grüßt er mit dieser tiefen Samtstimme sein Publikum und legt direkt los. Die Musik treibt rockig und hart. Zunächst Stücke aus der aktuellen CD, sehr schöne Lieder, gute Musik, gute Texte, über die Zeit, die vergeht – und wie sie genutzt werden sollte.

Carpendale bleibt sich treu, hat aber sich und seine Präsentation klug und zeitgemäß weitergedreht. Bis zu zehn Musiker sind mit ihm auf Tour, alles Männer, fast alle sehr gut aussehend: jung, durchtrainiert und, wie die komplette Bühnenshow aus Licht und Videoinstallation, eher lässig-cool. Der ganze Auftritt ist weitab von jeder Schlager-Piefigkeit. Und musikalisch durchgängig auf Top-Niveau.

Da kann es der Altmeister ruhig etwas langsamer angehen lassen – immer wieder setzt er sich auf den Barhocker oder die Treppenstufen und erzählt. Und erzählt und erzählt ... Vom Hölzchen aufs Stöckchen, von den Anfängen vor über 40 Jahren in London, von seiner Fernsehshow – aufgezeichnet in der Braunschweiger Stadthalle – von einem Auftritt bei „Wetten, dass ...“ und und und.

Wie bei einem großen Familientreffen scheinen die Gäste genau das zu wollen, ja, zu genießen; nah an ihrem „Howie“, an seiner Musik, an seinem Leben. Jeder Satz eine Perle. Dafür nehmen die Fans saftige Preise in Kauf – wer nah ran will, bezahlt knapp 100 Euro. Einmal steigt er sogar von der Bühne, kommt unters Volk, auf die berühmte Augenhöhe – er ist 70 geworden und sieht sehr gut aus – streift durch die Stuhlreihen, ein Lächeln hier, ein Selfie dort, tumultartige Aufläufe hat er höflich-distanziert im Griff.
Ach ja, Musik gab es auch. Und sowie auch nur die ersten Töne einer seiner berühmten Hits anklangen, hielt es die begeisterten Menschen nicht mehr auf den Stühlen. „Ti aaamooooo“, „Samstag Nacht“, „Tür an Tür mit Alice“ – die Hitmaschine Carpendale hat einen unendlichen Fundus.

Er spielt aber auch immer wieder Lieder anderer Künstler. Überzeugend „Calm After The Storm“ von den Common Linnets, berührend die Hommage an Udo Jürgens.

Gegen Ende noch einmal Worte. Diesmal tagesaktuell. Er verfolge die politische Lage in der Welt und in Deutschland. Lösungen könne und wolle er nicht anbieten, aber ein Lied: „Astronaut, wär' es nicht gut für alle Menschen diesen Stern aus solcher Ferne mal zu seh’n. Vielleicht würden wir dann endlich alle mal begreifen. Wie verkehrt wir vieles machen. Vielleicht würden wir versteh’n.“

Das Publikum ist textsicher dabei. In dieser Halle sind sich heute Abend alle einig. Das ist doch ein Anfang.
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