Anzeige

Hoher Anspruch: „Ich will Aufmerksamkeit“

Joachim Klement ist seit dieser Spielzeit der neue Intendant am Staatstheater Braunschweig – Ein Mann mit klaren Zielen und Anforderungen.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 03.10.2010.

Braunschweig. „Verschiedene Handschriften“ zur Spielzeiteröffnung: „Es ist uns gelungen, zu zeigen, was zeitgenössisches Theater kann“, sagt Joachim Klement, „ich bin stolz auf das Haus.“

Ibsen und Lessing gab es zum Auftakt, dazu die Uraufführung einer jungen Nachwuchsautorin. „Es ist mir eine Verpflichtung, Neues zu fördern“, sagt der Intendant. Allerdings nur, wenn die Stücke seinen Ansprüchen genügen. Und die sind hoch. Der Mann ist anspruchsvoll, sein Führungsstil teamorientiert, aber streng – das sagt er selbst von sich. „Das bedeutet, dass man mir sehr genau erklären muss, warum etwas so ist, wie es ist, und nicht anders“, sagt der neue Chef an der Spitze des Staatstheaters.
Eigene Handschrift
Und das gilt ganz besonders für die Kunst. Er will dem Haus seine Handschrift geben, will die Menschen ins Theater locken, ihnen neue Sichtweisen und Themen bieten. Und er will Aufmerksamkeit. Nicht für sich, für das Haus. Für das Theater. Für die Kunst eben.
Überregionale Wahrnehmung und Bedeutung sind ihm wichtig. Nicht ganz einfach, die Leitmedien des Landes nach Braunschweig zu locken, aber da ist er zuversichtlich. Klement hat gute Kontakte, aber vor allem soll die Arbeit am Haus weit über die Stadt hinaus wirken.
„Das ist hilfreich, um gute Darsteller, Musiker und Sänger zu halten“, erklärt er sein Streben, „aber auch um Zugang zu bestimmten Fördermöglichkeiten zu bekommen. „Achtung: Pioniere!“ heißt so eine Aktion, die er zusammen mit seinem Chefdramaturgen Axel Preuß an den Start gebracht hat; das gemeinsame Projekt mit dem Theater Zagreb will sich mit Ferdinand Graf von Zeppelin und der aktuellen Luftfahrttechnik auseinandersetzen.
„Das Thema bietet sich in der Forschungsstadt Braunschweig geradezu an“, freut sich Klement. Und ist der Kulturstiftung des Bundes 150 000 Euro Förderung wert. Perfekt für Joachim Klement. Überhaupt ist die Stadt für ihn Ausgangspunkt und Grundlage seiner Arbeit. Seit zwei Jahren streift er durch Straßen und Parks, besucht Menschen und Einrichtungen, spürt der Braunschweiger Seele nach.
„Ich kenne Braunschweig aus den frühen 90er Jahren“, erzählt Klement, „damals erschien mir die Stadt wie gelähmt durch die Zonenrandlage.“ Heute dagegen sei Braunschweig vital, „die Stadt wirkt wie eine Lokomotive auf mich, die sich kenntlich und sichtbar macht.“
Schon früh in seiner Jugend spürte Joachim Klement die Wechselwirkung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. 1961 in eine Handwerksfamilie in Meerbusch bei Düsseldorf geboren („ich komme aus kleinen Verhältnissen“), war ihm der Zugang zur Kunst und Kultur nicht unbedingt in die Wiege gelegt. „Aber ich wollte von Anfang an alle Chancen haben, um entscheiden zu können, was ich einmal mache“, erinnert sich Klement noch genau.
Er bestand darauf, das Gymnasium zu besuchen, er war ein guter Schüler, wissbegierig, ehrgeizig.
Und sehr interessiert. „Es war damals ein extrem durchlässiges Bildungssystem“, erzählt Klement und ist dankbar für viele Möglichkeiten der Mitbestimmung in der Schule, für Gremien, in denen Schüler saßen und gemeinsam mit Lehrern nach Wegen suchten und Entscheidungen trafen. „Wir fühlten uns ernstgenommen und angenommen“, sagt er heute, „und schwärmt von engagierten, kreativen Lehrern und unkonventionellen Unterrichtsmethoden.
Er las regelmäßig den „Spiegel“, besuchte Gerichtsverhandlungen, sprach beispielsweise mit Pflichtverteidigern im Majdanek-Prozess, der ab 1975 gegen 16 ehemalige SS-Angehörige geführt wurde.
Den Geist der 70er Jahre hat Joachim Klement aufgesogen. „Es war eine vitale Zeit“, ordnet er ein, „aber auch eine Zeit, in der Franz-Josef Strauß Menschen wie Böll und Grass noch als Schmeißfliegen beschimpfte.“
Alle Chancen nutzen
Klement nutzte alle Chancen, arbeitete im Zivildienst auf einer Intensivstation, engagierte sich in einer Theatergruppe als Dramaturg, bekam die Erlaubnis für die Aufführung eines Beckett-Stückes durch viel Hartnäckigkeit schließlich vom berühmten Autor selbst.
Er hätte auch Arzt oder Jurist werden können, beide Berufe kamen für ihn in die engere Wahl. Aber dann siegte das Theater. Er studierte Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, schon damals mit dem Ziel, als Dramaturg zu arbeiten.
Im Betreuen, Entwickeln und Fördern sieht er seine Aufgabe, die wesentlichen Punkte in Entscheidungsprozessen zu erkennen und zu setzen, gehört zu seinen Talenten.
Nur nicht langweilig
Von denen hat er offensichtlich eine ganze Menge, nicht verwunderlich also, dass der Mann auch sportlich aktiv war und ist. Handball war der Anfang, mit dem Hockeyteam war er Landesmeister, dann wechselte Klement zum Individualsport: Dreisprung. „Weitsprung allein wäre mir zu langweilig gewesen“, sagt er.
Und „langweilig“ ist bei ihm ein K.-o.-Kriterium, das ist schnell zu spüren. Joachim Klement wirkt freundlich, zurückhaltend, aber auch anspruchsvoll und fordernd. Er denkt schnell, spricht überlegt und präzise formuliert.
Privat hält er sich bedeckt, spärliche Antworten müssen genügen: Christine Besier, seine Frau, ist ebenfalls Dramaturgin und zwar in „seinem“ Haus („was durchaus schwierig ist, weil wir natürlich oft unterschiedliche Meinungen haben“), die Familie geht gern segeln, die gemeinsame Tochter Luise ist 15 Jahre alt. Und hier gerät der kontrolliert wirkende Mann dann doch ins Schwärmen. „Ich finde das Mädchen klasse, sie hat viele Talente, die wir gern fördern“, sagt der Vater. Und sie geht ins Theater, „mit analytischem, kritischen Blick“, sagt der Intendant.
Und wie reagiert er auf Kritik? „Offen, aber auch gelassen“, kommt die Antwort. „Ich mache diesen Beruf seit mehr als 20 Jahren, ich habe für mich selbst Qualitätskriterien entwickelt, die für mich wichtig und für andere überprüfbar sind.“
Da ist die Messlatte. Die hat er sehr hoch gehängt. Für sein Team – aber auch für sich selbst.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.