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Heute so aktuell wie damals

„Die Katze auf dem heißen Blechdach“ feierte begeisternde Premiere im Großen Haus.

Von André Pause, 18.04.2012.

Braunschweig. Ach, wie wenig sich doch das Menschenwesen seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts zum positiven verändert hat. Desillusionierend deutlich wurde dies bei der Premiere des Tennessee Williams Stückes „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ im Großen Haus des Staatstheaters.

Regisseurin Anna Bergmann hat das zeitlos-aktuelle um Habgier, Scheinheiligkeit und Verlogenheit kreisende Familiendrama dialogisch wie spielerisch dicht und pointiert inszeniert.
Der stumme Einstieg in das Stück erfolgt über die Football spielenden Kameraden Brick und Skipper. Etliche Minuten Raum werden der Große-Jungs-Freundschaft gewährt, dann säuft sich Skipper zu Tode und wird effektvoll vom eisernen Vorhang der Hinterbühne verschluckt. Brick, dessen wahre Sicht auf die Homosexualität seines Freundes uneindeutig ist, zerbricht am Verlust und wird schließlich selbst zum Trinker, den der „Knacks“ zur Besinnungslosigkeit weit mehr interessiert als der 60. Geburtstag seines Vaters Big Daddy. Das schwerreiche Familienoberhaupt ist sterbenskrank , das wissen alle: Doktor Baugh, der zweite Sohn Gooper, dessen Frau Mae sowie Brick und Gattin Maggie – nur er selbst und seine Frau, Big Mama, ahnen nichts. Unterdessen beginnt die Schlacht um das Erbe. Die aus armen Verhältnissen stammende „Katze“ Maggie fährt ihre Krallen aus. Theresa Langer bewegt sich traumwandlerisch sicher im Spannungsfeld dieser Rolle, zwischen Zerbrechlichkeit und aus mangelnder Zuneigung ihres Liebsten resultierender Verzweiflung. Überhaupt agiert das Ensemble geschlossen auf höchstem Niveau und homogen. So gibt auf der anderen Seite der Gier Hans-Werner Leupelt den verbiesterten Gooper, und Nientje Schwabe sorgt als dauergebärende Mae in Anbetracht der Bevorzugung des Brick durch Big Daddy für Sternstunden der Hysterie.
Der im Verlauf des Stückes immer offensichtlicher werdende, schließlich direkt ausgetragene Vater-Sohn-Konflikt zwischen Lieblingsbube Brick und Big Daddy wird zum Mittelpunkt des Abends. Hanno Koffler spielt die Rolle des gestrauchelten, im wahrsten Sinne des Wortes gegen Bühnenwände rennenden Brick mit einem Maximum an körperlichem Einsatz ebenso überragend wie Moritz Dürr den harten, seine Frau angewidert abweisenden Patriarchen. Sandra Fehmer flankiert die Szenerie als versöhnliche Big Mama, die ihrem Brick auch heute gerne mal das Haar zum Irokesen formt: „wie früher“. Klaus Lembke als Doktor Baugh und Raphael Traub im Wechsel als stiller Reverend Tooker sowie als im Hintergrund auch nach dem Tod präsenter Skipper komplettieren das Kernensemble. Ergänzt wird dies durch Dienstmädchen und singende Kinderdarsteller. Dergestalt wird es hübsch voll auf der von Florian Etti kraftvoll geschwungen gestalteten Pop-Art-Bühne, die an eine Halfpipe erinnert, auf der es, wenn der Schwung stimmt, ja auch selten dezent zugeht. Aufwühlend sind zudem die Videoprojektionen, welche den gespielten Status quo mit Bildern aus der Vergangenheit konterkarieren, sowie Halleffekte, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn es im Kopf der Akteure für das gesprochene Wort gar zu eng wird.
Langer und kräftiger Premierenapplaus für einen begeisternden, in allen Belangen stimmigen Theaterabend.
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