Anzeige

„Heimat ist etwas sehr Subjektives“

Die Filmemacherinnen Yasemin und Nesrin Samdereli kamen zur Premiere ihres Kinodebüts „Almanya“ ins C1.

Von André Pause, 16.03.11

Braunschweig. 18 Termine in zehn Tagen: Die filmemachenden Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli absolvieren ein strammes Programm, um ihr Kinodebüt „Almanya“ vorzustellen. nB-Mitarbeiter André Pause sprach mit den sympathischen Dortmunderinnen.


? Sie haben das Drehbuch gemeinsam geschrieben – insgesamt 50 Fassungen. Gab es auch mal Streit?

! Yasemin Samdereli: Wie in jedem normalen Arbeitsprozess – abgesehen davon, dass wir Geschwister sind – gibt es natürlich unterschiedliche Meinungen und auch Reibereien, aber nie extremere. Wir arbeiten aber schon seit mehr als zehn Jahren zusammen. Mit der Zeit lernt man sich auch beruflich immer besser kennen. Eigentlich war das jetzt keine schwierigere Arbeit als in den Jahren davor.

? Wie lange haben die Arbeiten zum Film insgesamt gedauert?

! Nesrin Samdereli: Das ist ein bisschen schwierig zu beantworten. Das erste Drehbuch gab es vor zehn Jahren. Dann kamen die Produzenten, und wir haben rund zweieinhalb, drei Jahre entwickelt, aber keinen Fernsehsender gehabt. Anschließend gab es drei Jahre Pause, und nachdem wir dann nochmal zweieinhalb Jahre das Drehbuch entwickelt haben, ging es mit dem Dreh los.
? Was war Ihre Motivation für diesen Film?

! Y.S.: Die stärkste Motivation für den Film kam mit dem Tod unseres Großvaters. Mit dem Schmerz und der Trauer wurde klar: Der Mensch, der ermöglicht hat, dass wir da sind, wo wir sind, ist plötzlich weg. Wir hatten den Wunsch, ein wenig davon zurückzugeben und diesen Film darüber zu machen.

? Hat Sie die hitzige Integrationsdebatte bestärkt?

! N.S.: Uns hat auf jeden Fall die Tonalität der Debatte nochmal Recht gegeben. Die Fronten sind verhärtet. Ich hoffe, dass sich das beruhigt und etwas passiert. Es ist schade, weil da wieder Fronten aufgezogen werden, die schon niedergelegt waren. Auf humorvolle Art mit den Unterschieden umzugehen und diese zu reflektieren, Leute dazu zu bringen, selbstironisch zu sein, ist das Beste, was man einer Gesellschaft antun kann.

? „Almanya“ ist Ihr erster Kinofilm. Welche Unterschiede gab es für Sie im Arbeitsprozess im Vergleich zu vorhergehenden Projekten?


! N.S.: Der größte Unterschied ist wohl inhaltlicher Natur. Jeder Sender hat ein Senderprofil, eine bestimmte Vorstellung, was zu ihm passt. Somit wird man immer eingeengt in der Art, wie man einen Stoff behandelt. Mit dem Kinofilm hatten wir die große Freiheit, das Thema filmisch so zu erzählen, wie wir uns das vorgestellt haben, mit der komplexen Struktur, mit den verschiedenen Zeitebenen, den vielen Charakteren. Das hätte man beim Fernsehen so nie gemacht, weil es viel zu kompliziert ist. All diese Dinge, die den Film ausmachen, wären beim Fernsehen sehr schwierig geworden.

? Was haben Sie während dieses Prozesses über das Filmemachen, über sich selbst und die eigene kulturelle Sozialisation mitgenommen?

! Y.S.: Für uns war es mit Sicherheit die Arbeit, die am verdichtetsten war. Man muss mit 200 Prozent starten, weil Dreharbeiten immer einen gewissen Reibungsverlust mit sich bringen. Es hat sich bewahrheitet, dass das Buch das A und O ist. Und es war das erste Mal für uns schwesterlich am Set zu sein. Das war das größte Projekt und es war gut zu sehen, dass man es auch gewuppt kriegt. Außerdem habe ich das erste Mal festgestellt, wieviel feiner die türkische Sprache funktioniert. Im Türkischen gibt es ganz viele Höflichkeitsformeln wie großer Bruder, Meister oder Lehrerin. Ich fand es interessant, diese türkische Kultur einmal in diesem professionellen Rahmen zu sehen. Wir kannten das bisher ja nur durch die Familie, das ist etwas anderes als plötzlich mit einem Drehteam an ein Set zu kommen.

? Ihr Film lief auf der Berlinale, was war das für ein Gefühl, ihn dort zu sehen?

! N.S.: Das war natürlich eine riesige Sache und eine riesige Freude, weil man das natürlich nicht erwarten konnte. Wir hatten wahnsinniges Glück, dass der Film sehr gemocht wurde, auch von der Jury. Und dann war er auch sehr gut platziert. Wir hatten ja Samstagabend den Berlinale-Palast, das war natürlich der beste Slot, den man sich hätte wünschen können. Es war auch grandios für die ganze Vorwerbephase des Films. Wir haben super viel positives Feedback bekommen. Das hätte man sich nicht besser wünschen können.

? An welches Publikum wendet sich der Film?

! Y.S.: Ich glaube, er ist für alle. Für jeden, der eine Familie hat, für jeden, der es kennt, sich zu fragen, wer oder was bin ich. Das können wohl viele nachvollziehen. Der Film ist für Deutsche und für Türken genauso spannend wie für Italiener oder Griechen. Ich glaube, das Gefühl fremd zu sein, die Frage nach der eigenen Identität kennt jeder.
N.S.: Man merkt jetzt, nach den ersten Screenings, dass es sehr gemischtes Publikum ist: von Kindern bis zu Senioren. Das ist ein sehr universelles Thema. Da sind Schnittstellen für viele Menschen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.