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Hässliche Fratze aus Toastbrot

Schlomo Herzl (Hans-Werner Leupelt, r.) kümmert sich um den jungen Adolf Hitler (Philipp Grimm) – mit fatalen Folgen. Foto: Volker Beinhorn

Die Premiere von George Taboris „Mein Kampf“ im Kleinen Haus lässt den Atem stocken.

Von André Pause, 08.06.2014.

Braunschweig. „Ich war zu dumm, um zu erkennen, dass manche Leute Liebe nicht ertragen können“, sagt der jüdische Bibelverkäufer Schlomo Herzl im Schlussakkord von George Taboris Groteske „Mein Kampf“ resigniert.

Zerschellt sind seine Großherzigkeit und seine Güte paradoxerweise an jener abscheulichen Gestalt, die er zu einem Gutteil selbst mit aufgepäppelt und auf den politisch betrachtet rechten Weg gebracht hat: Adolf Hitler.
Knapp drei Stunden inszeniert Regisseurin Daniela Löffner bei der Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters die Wandlung vom Menschen zum Monster. Sie tut es gewissenhaft, und mit viel Gefühl für den Regler zwischen einer an Chaplin gemahnenden Komik und Lächerlichkeit auf der einen sowie der geschichtlich realen Brutalität und Finsternis auf der anderen Seite. Hitlers Metamorphose im Wiener Männerasyl – im Staatstheater ein beklemmend schlichtgrauer Raum mit hohen Mauern (Bühne: Matthias Werner) – gelingt ihr als bildstarker mit Symbolen satt gefütterter Abend.
Es beginnt damit, dass der langhaarige- und langbärtige Choleriker aus Braunau am Inn (Philipp Grimm) immer dann verkrampft und verstopft, wenn er Einzelheiten aus seinem noch nicht verfassten „Mein Kampf“ vorzutragen gedenkt. Dann lässt er die Hose runter und presst ergebnislos, bis die Adern am erröteten Hals hervortreten. Schöne Scheiße. Vielleicht zu viel Nutella. Das Zeug nascht der verhinderte Künstler – „Mein Hund im Zwielicht“ – nebenbei. Soweit alles braun in braun, aber unterhaltsam, bis hierhin.
Lobkowitz, der abgehalfterte Koch, der sich für Gott hält (Moritz Dürr), sieht das Unheil wohl trotzdem kommen und jagt Dartpfeile mit Lametta als warnende Blitze in die Wände. Doch letztlich ohne Wirkung: Schließlich erscheint Hitler mit einem Sack voller Toastbrotscheiben in den verschiedensten Bräunungsstufen, an denen er sich ohne nennenswerten Widerstand laben, und die er wie es zunächst scheint ohne jegliches System an die Wand pappen kann. Als alle Scheiben, die natürlich für Menschenleben stehen, auf diese Weise ad acta gelegt sind, kommt Nachschub aus Toastern, die Dampf und verbrannten Geruch erzeugen wie Öfen. Sehr zur Freude der dämonischen Frau Tod (Sandra Fehmer), die sich den Duft genüsslich zufächelt. „Ihr Freund Hitler interessiert mich nicht als Leiche. Als Leiche ist er absolut mittelmäßig, aber als Täter ein Naturtalent“, gibt sie einem konsternierten Schlomo (Hans-Werner Leupelt) mit auf den Weg.
Was das in der Konsequenz bedeutet, zelebriert Sven Hönig als Hitlers rechte Hand Himmlischst mit dem Nachspielen des Ausweideprozesses von Schlomos Huhn Mizzi: die deutsche Misere. Der Weg zum nationalen Wahn, in Daniela Löffners Inszenierung sehr gut beobachtbar am Wandel der unschuldigen Schlomo-Freundin Gretchen (Ursula Hobmair) zur Liebsten des Führers, ist da schon nicht mehr aufzuhalten.
Am Ende bleibt ein Schlachtfeld, über dem die überdimensionale Fratze jenes Mannes aus Toastbrot thront, der die Zuneigung des Schlomo nicht ertragen konnte. Spätestens da stockt der Atem, das lässt einen so schnell nicht los.
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