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Große Bilder – große Emotionen

Neuinszenierung der Wagner-Oper Lohengrin wird mit gemischten Gefühlen aufgenommen

Von Daniel Mau

Braunschweig. Gewagt, gewagt: Bei der Neuinszenierung der Wagner-Oper Lohengrin, die am 11. Mai zum ersten Mal im Staatstheater aufgeführt wurde, riskierte der Wiener Regisseur Michael Sturminger viel. Für seine Version erntete er Applaus, aber auch deutliche Buh-Rufe.

Es war keine klassische Wagner-Aufführung, die Sturminger auf die Bühne des Großen Hauses zauberte. Lohengrin, bei Wagner ein überirdischer Held, ja fast eine Art Gott, kommt in Braunschweig wie ein Durchschnittsbürger daher. Weißes Hemd, unscheinbarer grauer Anzug, 50er-Jahre-Hut: Die Hauptperson der Oper bliebt gewollt blass. Kor-Jan Dusseljee haucht Lohengrin mit seiner umwerfenden Stimme immerhin noch ein kleines Stückchen Leben ein.
Apropos Hauptperson: Die ist in dieser Inszenierung ganz klar Elsa von Brabant, die Königstochter, die von ihren Wiedersachern des Brudermordes beschuldigt wird. Eine Geschichte des Erwachsenwerdens wollte Sturminger an ihrem Schicksal erzählen. Das ist ihm gelungen. Rossella Ragatzu überzeugt in dieser Rolle nicht nur mit ihrem Gesang. Ihre Verwandlung vom schüchternen Mädchen mit Brille zur Frau, die ihrem Liebsten die unausweichliche Frage nach seiner Herkunft stellt, ist glaubwürdig.
Als ihre kraftvolle Gegenspielerin mit fülliger Stimme tritt Dagmar Peckova als Ortrud auf. Hinter diesen beiden Frauen werden die Männer zu Nebenfiguren. Im Falle von Friedrich von Telramund sogar zur Marionette, obwohl es Jan Zinkler als Bariton wunderbar gelingt, das gekränkte Ehrgefühl und die Hinterlistigkeit des Grafen darzustellen.
Gewagt sind auch das Bühnenbild von Gregor Zivic und die Kostüme. Der Chor sieht aus wie eine hochmotivierte Leichtathletikgruppe. Knackige Sportkleidung, korrekte Seitenscheitel, lange Speere in den Händen, ein schwarzer Löwe auf der stolzen Brust – Erinnerungen an die Olympia-Bilder von 1936.
Den Hintergrund bildet eine massige Holzkonstruktion aus 52 zehneckigen Rahmen, die als Gang für den Chor und als Schwanenhals für Lohengrin dient. Diese imposante Kulisse sorgt mit allen 90 Darstellern für große Bilder und mit einer tollen musikalischen Umsetzung auch für große Emotionen, doch manchmal fehlt für das große Spiel schlichtweg der Platz. Besonders im ersten Akt, als das Ganze noch in einem roten Holzrahmen eingezwängt ist, um den Eindruck zu vermitteln, Elsa würde sich ein Theaterstück ansehen, wirkt der Menschenauflauf doch häufig etwas hölzern.
Auch den Schluss hat Regisseur Sturminger abgewandelt. Zwar muss Lohengrin nach der Nennung seines Namens Elsa verlassen. Doch als Zuschauer erleben die beiden Liebenden samt dem zurückgekehrten Bruder von Elsa ein Happy End. Das Drama muss dem Heimatfilm-Glück Platz machen. Nicht jedem Premierenzuschauer hat das gefallen.
Ohne Frage ein Genuss ist dagegen die musikalische Umsetzung. Dirigent Alexander Joel hatte in der Wagner-Oper nach einem großen Bogen gesucht – und ihn gefunden. Vor allem im dritten Akt wird das Publikum vom Zusammenspiel der Sänger und des Staatsorchesters in den Bann gezogen. Dafür gab es dann auch den größten Applaus.
Fazit: Die Inszenierung glänzt mit guten Sängern, toller Musik und imposanten Bildern – wie die großen Blockbuster im Kino. Allerdings mit einem Beigeschmack für echte Wagner-Fans.
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