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Griff nach dem Unfassbaren

Ab 12. Januar im Kino: „Reality XL“ – Die Suche nach der Wirklichkeit.

Von Marion Korth, 08.01.2012

Braunschweig. Der Mann sieht aus wie ein Seebär, groß, blonder Lockenkopf, blaue Jacke. Der Regisseur Tom Bohn wirkte bei seinem Besuch in Braunschweig, als stünde er mit beiden Beinen fest im Leben. Für seinen Mysterie-Thriller „Reality XL“ (Kinostart am 12. Januar) hat er sich in ungewisse Sphären gewagt: Woher kommen wir? Das ist die Frage, die ihn schon seit Schülertagen umtreibt.

Das gewagte Gedankenspiel ist nicht weit hergeholt. In der Schweiz hat die Europäische Organisation für Kernforschung (Cern) den weltweit größten Teilchenbeschleuniger gebaut. Dort beginnt die Geschichte: Am Ende einer Nachtschicht mit quantenphysikalischen Experimenten verlässt nur ein Wissenschaftler den Kontrollraum, Professor Konstantin Carus, gespielt von Heiner Lauterbach. Seine 23 Kollegen sind spurlos verschwunden. Robin Spector (Max Tidorf) sucht nach einer Erklärung. Ein Film nur für Wissenschaftler? „Nein, das mit der Quantenphysik habe ich auch nicht verstanden, das ist mir zu dicke“, sagt Tidof. Aber das die Welt eine andere ist, je nachdem aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet, das habe ihn schon oft beschäftigt und das sei sehr spannend. Der Abspann läuft, dann wird die Bildwand schwarz, aber niemand rührt sich, niemand steht auf. „Reality XL“ ist ein atemberaubender Ritt an die Grenze des Vorstellbaren. Hinterher ist nichts mehr, wie es ist oder besser zu sein scheint. Kinostart ist am 12. Januar. „Es ist ein bisschen schade, dass wir die Menschen ohne eine Lösung aus dem Kinosaal schicken müssen“, sagt Regisseur Tom Bohn nach der Vorschau am Donnerstag. Er stellt Fragen, deren Antworten niemand kennt: Woher kommen wir, wohin gehen wir, und wo oder was sind wir in der Zeit dazwischen? Bohn findet diese Fragen wichtig, wundert sich, warum sich die Menschen so wenig damit beschäftigen. In der Schule hat er gelernt, dass Materie aus Atomen besteht. Kerne, die von elektrischer Ladung umkreist werden. „Mir war das immer zu wenig.“
Dichtung und Wahrheit
Die Dreharbeiten seien schon gelaufen, als in Europa die geplanten Versuche im Teilchenbeschleuniger des Cern und ihre möglichen Risiken diskutiert wurden. Die Quantenphysiker dort hatten das Script gelesen und luden ihn und die Filmcrew in die Schweiz ein. „Die Welt passt in ein Reiskorn“ – mit dieser 3000 Jahre alten Yogi-Weisheit habe der Einführungsvortrag begonnen. Und der Stand der Wissenschaft heute? „Würden wir alle Materie verdichten, ist sie nicht größer als ein Stecknadelkopf, der Rest ist Energie“, sagt Bohn. Die Grenzen zwischen Quantenphysik und dem, was manche für „esoterischen Kram“ halten, verwischen sich.
Im Film sowieso. An einem unbekannten Ort wird Professor Carus (Heiner Lauterbach) befragt. Was ist mit seinen 23 verschwundenen Kollegen geschehen? Auch dieses Verhör hat kafkaeske Züge: Wer ist diese spröde Kriminalbeamtin Sophia Dekkers (Annika Blendl), wer dieser geheimnisvolle Staatsanwalt Robin Spector (Max Tidof) und wer der Mann im Hintergrund – der Protokollant Antoine (Godehard Giese), dem anscheinend nichts und niemals etwas entgeht.
Unheimlich spannend
Ein beklemmendes Kammerspiel beginnt. Die überzeichneten Charaktere sind ebenso unwirklich wie der Ort, an dem sie agieren. Die Dialoge wirken mitunter fast hölzern – nur wer zieht an den Fäden dieser Marionetten? Im Spannungsfeld der vier Pole wird das Unbehagen fast greifbar. Professor Carus rückt schließlich mit dem Geheimnis heraus, er weiß, wie die Wirklichkeit funktioniert. Aber der Film heißt mit Grund „Reality XL“, die Wirklichkeit ist eben ein paar Nummern größer, vielleicht zu groß.
„Reality XL“ ist nicht reißerisch, aber mitreißend. Der Film bezieht seine Kraft aus der Stärke und der Präsenz der Schauspieler und aus dem faszinierenden Thema. Hat die Beschäftigung damit Tom Bohns Weltsicht verändert? „Ich trete allem mit mehr Demut gegenüber“, sagt er. Dass Menschen nach dem Abspann noch sitzen bleiben, hat er schon in einigen Vorschauen beobachtet. „Der Film bringt etwas in unserem Inneren zum Klingen, wie die Saiten einer Harfe, die angeschlagen werden. Das zeigt doch, dass da etwas ist…“
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