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Grass: Genießer statt Grantler

Günter Grass las im Gymnasium Martino-Katharineum aus seinem neuen Buch „Grimms Wörter“.

Von Birgit Leute, 09.01.2011

Braunschweig. Der Grantler ist milde geworden: Günter Grass las im Martino-Katharineum aus seinem neuen Buch „Grimms Wörter – eine Liebeserklärung“ und begeisterte mit seiner unnachahmlichen Sprachkunst und einer feinen Selbstironie.

Dem ehrfürchtigen Schweigen, als er aufs Podium klettert, nimmt er gleich die Spitze. Schiebt das bereitgestellte Wasser zur Seite und schenkt sich genießerisch ein Glas Rotwein ein. Ein Glucksen im Publikum – das Eis ist gebrochen.
Günter Grass, inzwischen
83 Jahre alt, klein und gebückt, ist nicht als Ikone der neueren deutschen Literatur nach Braunschweig gekommen. Nicht als der Träger des Literaturnobelpreises. Sondern als Autor, dem es sichtlich Spaß macht, sein Werk vorzustellen. „Grimms Wörter – Eine Liebeserklärung“ ist der dritte und letzte Teil seiner Autobiographie. Auf fast 350 Seiten vermischt Günter Grass darin die Geschichte der Gebrüder Grimm mit seiner eigenen, zieht Parallelen und philosophiert über Demokratie, Korruption, Computer und E-Mails.
Zugegeben: Die langen, gedrechselten Grass-Sätze sind eine Herausforderung für jeden Zuhörer. Ellenlang schwelgt der Schriftsteller in Wortfindungen über den simplen Begriff „Ach“ oder den Buchstaben „A“. Dass er sein Publikum dennoch mitnimmt, liegt an Grass selbst. Vorn auf dem Podium sind seine
83 Jahre wie weggeblasen. Gestenreich und mit sonorer Stimme liest er seine Sätze nicht, er malt sie. Und erheitert mit seiner Selbstironie. „Ich teile mit Jacob Grimm die Schwerhörigkeit im Alter. So bleibt uns manches Gerede erspart. Wie unter einer Käseglocke behütet, hören wir nur noch auf uns, tun aber dennoch so, als seien wir auf dem Laufenden und geben richtige Antwort auf falsch gestellte Fragen.“ Begeisterter Applaus.
Die Lesungen von Günter Grass am gestrigen Sonnabend und heutigen Sonntag finden anlässlich der Ausstellung „Günter Grass – Grafiker, Bildhauer, Schriftsteller“ (zu sehen bis 23. Januar) statt. Alle sind bereits ausverkauft.
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