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Göttinnen halten Schwätzchen

 

Mandla Reuter stellt den Kunstverein mit seiner Ausstellung „It's not late it‘s early“ auf den Kopf

Von André Pause, 06.03.2015.

Braunschweig. Was für eine Paradoxie. Da steht der Name der Villa Salve Hospes – was übersetzt soviel heißt wie „Sei gegrüßt, Gast“ – in großen goldenen Majuskellettern über der Eingangstür, und dann das: zugemauert, mit großen grauen Steinen. „Unverschämtheit“, könnte man meinen, wäre die Verriegelung nicht pure Absicht.

Andere Künstler hätten das Gebäude für ihren jeweiligen, Zweck zermahlen. „Jetzt kommt einer, und dreht an grundlegenden Eigenschaften“, sagt Museumsdirektorin Jule Hillgärtner vergnügt. Und das ist fast noch untertrieben. Der Künstler Mandla Reuter (1975 in Nqutu, Südafrika geboren) dreht, verrückt und versetzt mit seiner Ausstellung „It's not late it‘s early“ die Dinge nicht nur, er zerstückelt sie auch oder stellt sie in Baselitz'scher Manier gleich komplett auf den Kopf.

Mit seinen Installationen und Interventionen lotet er die Bedingungsverhältnisse zwischen Objekt, Funktion und Raum aus. Dadurch entsteht Neues, dadurch verändert sich die Bedeutung: des Ortes, des einzelnen Objekts und der Situation. So wird die Terrasse auf der Rückseite des Gebäudes zum (ausgeschilderten) vorübergehenden Eingang. Die normalerweise solitär stehenden Gewandskulpturen der Rotunde platziert Reuter wie eine Diskussionsgruppe im Kreis, worauf hin die römischen Göttinnen Minerva, Vesta, Pax und Concordia in der Tat ein Schwätzchen zu halten scheinen.
Neue Aufladung wiederfährt auch der zwei Palettenladungen umfassenden Fuhre mit Wasserflaschen. Das Wasser steht verhüllt als Behauptung, als Statement gegen die Überinszenierung, im Raum. Natürlich könnte sich statt des ubiquitären Lebensmittels auch ein anderes Kunstwerk unter der Folie befinden.

In anderen Fällen kontrastiert Reuter die ursprüngliche Umgebung, indem er eng an existenzielle Bedingungen geknüpfte Materialen den vorherrschenden Zuständen unterwirft. Das kann bisweilen nur mit aufwendiger Hilfestellung klappen. Riesige Eisblöcke müssen im Kühlhaus gelagert, und Blumen in einem Aquarium mit UV-Licht bestrahlt werden. Das Ergebnis lässt mindestens zwei Lesarten zu: So könnte Reuter mit dieser bewusst zugespitzten Ambivalenz zwischen natürlichem Raum und Künstlichkeit sowohl die Gedanken an Maßlosigkeit und Unvernunft evozieren als auch zum Entdecken der Möglichkeiten aufrufen wollen.

Apropos Möglichkeit: Der Kreis des Drehens an grundlegenden Eigenschaften schließt sich in dieser überaus sehenswerten Schau fürs Erste mit der Platzierung einer Fahrstuhlkabine direkt neben dem Treppenaufgang. Natürlich war und ist der Einbau eines Fahrstuhls in die klassizistische Villa kein Thema. Hier wird lediglich noch einmal jene Absurdität auf den Punkt gebracht, die schon der zugemauerte Eingang gleich zu Beginn offenbart hat.

In der Remise hat Christian Falsnaes (1980 in Kopenhagen geboren) einen White Cube errichtet. Über ein ausgelegtes Telefon ist der Künstler, der Name der Ausstellung verrät es: „Available“ (erreichbar). Fernmündlich stellt er sich als Impuls- und Handlungsanweisungsgeber zur Verfügung.

Für die Ausstellungen von Mandla Reuter und Christian Falsnaes gelten, zum Zwecke des Spiels mit den Lichtverhältnissen, geänderte, spätere Öffnungszeiten. Dienstags bis sonntags von 17 bis 23 Uhr, donnerstags von 14 bis 23 Uhr. Für Schulklassen sind andere Zeiten möglich.
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