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Gesichter der Transformation

Ausstellung im Photomuseum: Franz Wanner „Gift – Gegengift. Krankheitsbilder einer Stadt“.

Von André Pause, 30.06.2013.

Braunschweig. Der Besucher sollte sich Zeit nehmen für die Ausstellung von Franz Wanner in den Torhäusern des Museums für Photographie. „Gift – Gegengift. Krankheitsbilder einer Stadt“ heißt die.

Es geht um Bad Tölz, die bayerische Heimat des Künstlers. Und es geht noch viel mehr um Transformation, die ideelle und inhaltliche (Neu-)Aufladung, damit auch um einen Wandel des Ortes, mit dem selbst im Norden der Republik – neben einem schwergewichtigen Humoristen, der einen Fernsehbullen spielt, natürlich – zuallererst die Begriffe wie Kur-stätte oder Heilbad verbunden werden.
Inseln im Raum
Wanner präsentiert in seiner ersten institutionellen Einzelausstellung ein Konglomerat. Abbildungen und Geschichtsdokumente – vieles ist Found-Footage-Material aus den Archiven der Jodquellen AG und dem Stadtarchiv Bad Tölz – hängen als Inseln im Raum. Deren einzelne Teile sind im Innenverhältnis oft assoziativ zu verstehen, bauen wie Folgen einer Serie aufeinander auf. Im Hintergrund läuft ein etwa 30-minütiger Audiofile, der im Zusammenspiel mit der gebotenen Optik einen Film ergeben soll, durch den sich der Besucher im eigenen Tempo begibt.
Kurort und Historie
Die Transformation der Erscheinung des Ortes Bad Tölz macht der Künstler auf verschiedenen, vornehmlich zwei nicht komplett voneinander losgelösten, Ebenen sichtbar: Kurort und Historie. Da ist zum einen das Erlebnisbad Alpamare, eine Freizeitutopie der 70er-Jahre, die nun unzeitgemäß geworden ist. Als das „sauberste Bad Deutschlands“ wird das Bad jedoch weiterhin angepriesen. Wanner stellt den Behauptungen und Klischees Tatsachen zur Seite, dokumentiert – beispielsweise indem er eine ungeschützte Angestellte des Bades bei der Reinigung hygienischer Problemzonen mit Chemikalien ablichtet, deren Verwendung eigentlich einen Atemschutz erfordert – den Prozess des Umschlagens von heilsam zu toxisch. Er hinterfragt darüber hinaus die Heilsversprechen des Jodwassers, vermutet mindestens eine Überhöhung der Wirkung, und nimmt im Kurzfilm „Trafo“ die hinter der Mythologie stehenden Geschäftsinteressen aufs Korn. In der Tölzer Wandelhalle, die Kurgäste einst gurgelnd abschritten, heizen im Video nun Businesstypen auf Segways durch die Gegend.
„Wunder von Tölz“
Ein anderer Aspekt der ausgestellten Verwandlung ist der geschichtspolitische. So dokumentiert Wanner Begleiterscheinungen des sogenannten „Wunders von Tölz“: Das Abdrehen amerikanischer Kampfflugzeuge im Zweiten Weltkrieg veranlasste die dankbaren Tölzer, aus einer Reichsadler-Plastik eine Marienstatue zu schmelzen. Aus dem nationalsozialistischen Werk wurde durch bloßes Handwerk ein Heiligen-Symbol. Erschreckend bleibt, wie gut die auf diese Weise quasi selbstvorgenommene Seligsprechung auf Metaebene mit der an anderer Stelle propagierten Asepsis und Gesundung à la „Kraft durch Freude“ zusammengeht.

• „Gift – Gegengift. Krankheitsbilder einer Stadt“ von Franz Wanner ist bis zum 18. August im Museum für Photographie zu sehen. Geöffnet sind die Torhäuser dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr sowie sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Infos: www.photomuseum.de.
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