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Geschichte(n) aus dem Scherbenhaufen

Im Landesmuseum wird die Sonderausstellung „Luxus in Scherben“ aufgebaut – Bürgerliches Alltagsporzellan.

Von Martina Jurk, 27.03.2011

Braunschweig. Dr. Heike Pöppelmann will kein Porzellan zerschlagen. Ihr Start als Museumsdirektorin ist dennoch alles andere als leise und zurückhaltend. Seit einem halben Jahr ist die 45-Jährige in Braunschweig, und schon setzt sie mit der Sonderausstellung „Luxus in Scherben“ Maßstäbe. „Ein Frühlingsthema“, meint sie. Ein frischer Anfang.

Bei einer Fahrradtour kam ihr die Idee, eine Porzellan-Ausstellung, die ganz anders ist als üblich, nach Braunschweig zu holen. Heike Pöppelmann rief Dr. Stefan Krabath, Referent beim sächsischen Landesamt für Archäologie, an. Beide sind Archäologen und kennen sich, denn sie haben 2008 für die Landesausstellung „Aufbruch in die Gotik“ in Sachsen-Anhalt, bei der der Magdeburger Dom und die Stauferzeit im Mittelpunkt standen, zusammengearbeitet.
Bürgerliches Alltagsporzellan unterscheidet sich vom repräsentativen Geschirr des Adels darin, dass es nicht gesammelt und erhalten, sondern weggeworfen wurde. Erstmals gab es dazu eine Ausstellung im vergangenen Jahr im Japanischen Palais in Dresden. Die sächsische Ausstellung ist auf Braunschweig adaptiert, das heißt, sie ist um die Geschichte der Porzellanmanufaktur Fürstenberg erweitert worden. „Bürgerliches Alltagsporzellan des 18. Jahrhunderts ist ein neues Thema. Sein Potenzial ist bislang nicht wahrgenommen worden, und der Zeitraum ist zu jung. Wir können mit der Ausstellung das Bild der damaligen Zeit erweitern und Kulturgeschichte erzählen. Das 17. und 18. Jahrhundert spielten in Braunschweig eine große Rolle“, meint die Direktorin des Landesmuseums. Die Archäologin will ihr Fachgebiet, will Residenzarchäologie als weitere Disziplin neben Geschichte und Kunstgeschichte etablieren. „Die Ausstellung ist ein erster Schritt dahin.“ Von rund 1000 Exponaten werden viele erstmals öffentlich ausgestellt.
Neu ist ebenfalls, dass ein Ausstellungsthema parallel in zwei Museen gezeigt wird. Im Vieweghaus am Burgplatz geht es um das bürgerliche Alltagsporzellan, wie es produziert wurde, wie es seinen Weg von Asien nach Europa nahm, welches Geschirr vor dem Porzellan auf den Tischen des Bürgertums stand, die Entwicklung der Formen und Farben, aber auch die Exportproduktion, Markenpiraterie und Wirtschaftsspionage. „Auch das gab es vor 300 Jahren schon“, sagt Dr. Stefan Krabath. Einer der bekanntesten Fälle von Industriespionage sei der Raub der Rezeptur zur Herstellung des „Weißen Goldes“ in Sachsen gewesen.
In der Herzoglichen Kanzlei in Wolfenbüttel steht ab 21. April das Thema Residenzarchäologie im Mittelpunkt – Porzellan, Glas, Fayencen, Ofenkacheln der Wolfenbütteler und Braunschweiger Schlossgrabungen. Damit wird das repräsentative Geschirr in die Ausstellung einbezogen.
„Bürgerliches Alltagsgeschirr kann nur bei archäologischen Grabungen – in Scherben – gefunden werden. Wir suchen überall dort, wo gebaut wird“, erklärt Dr. Stefan Krabath. Der Kurator der Ausstellung stammt aus der Gegend um das niedersächsische Fürstenberg. „Der Müll der Porzellanmanufaktur und der Haushalte wurde in Gräben entsorgt“, sagt er. Im Müll stecke ein großes Informationspotenzial unserer Vorfahren. Krabath erzählt mit Leidenschaft, wie er bereits als Kind und Jugendlicher auf Feldern und Wegen nach vergrabenen Dingen geschaut hat. Archäologie ist nicht nur der Beruf des heute 41-Jährigen, sondern Berufung. Er wacht zurzeit über den Aufbau der Ausstellung. Über fast jedes Teil, jede Scherbe weiß er eine Geschichte zu erzählen…
Zur Ausstellung (5. April bis 3. Juli) werden Vorträge, Workshops und öffentliche Führungen angeboten. Ein Ausstellungskatalog erscheint (9,50 Euro), und im Museumsshop wird es unter anderem Bücher, Teelichter aus Porzellan und Schmuck zu kaufen geben.
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