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„Geplättet vom Sprachwitz“: Behinderter Autor schreibt Buch

Andreas Döring hat die Texte von Volker Darnedde gesprochen. Foto: André Pause

Andreas Döring stellt das Hörbuch „Myrderline“ mit Texten von Volker Darnedde bei Graff vor.

Von André Pause, 09.10.2013

Braunschweig. 34 Minuten gelesener Text befinden sich auf dem Silberling, der im liebevoll gestalteten Pappsleeve steckt. Lyrik von Künstler Volker Darnedde, die Radiomann Andreas Döring eingesprochen hat. „Myrderline. Meine Krankheit ist die Schwärze meines Kaffees“ heißt die frisch gepresste CD, ein Hörbuch.

Ein nicht ganz so ungewöhnlicher Prozess mag man meinen, doch in diesem Fall kommt der Input von einem geistig behinderten Menschen. Als Zeichner und Maler im Atelier Geyso 20 der Lebenshilfe Braunschweig ist Volker Darnedde manchem Kunstinteressierten sicher bekannt, als „Texterfinder“ hingegen ist der zurückhaltende Künstler zuvor weniger in Erscheinung getreten.
„Sein Schreiben habe ich das erste Mal bemerkt, als ich ein Bild gekauft habe. Da sah ich diese DIN-A5-Bücher liegen. Nach deren bildlicher Gestaltung fängt er an zu schreiben – ohne Punkt und Komma. Man merkt, dass einige Gedanken ihn drei, vier Seiten lang beschäftigen, da kommt dann auch immer wieder dieselbe Wortwahl. Mein spontaner Gedanke war: Der schreibt so, wie ich träume. Ich träume selbst sehr intensiv, und da dachte ich mir: Da musst Du mal tiefer einsteigen“, berichtet Andreas Döring voller Begeisterung.
Im vergangenen Herbst hat der NDR-Redakteur alle Bücher mit nach Hause genommen, gelesen und überlegt, was man mit den Texten machen könnte. „Das ist eine Sprachgewalt, eine Explosivität, wie ich sie selten habe.“
Etwa zwei Drittel der Texte finden sich auf dem Hörbuch wieder. In einer Auflage von 500 Stück kommt es auf dem Markt. Verkaufsstart ist auf der Frankfurter Buchmesse, bei der auch die Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz einen Stand hat. Die konnte Döring bei einer Benefizlesung vom Projekt überzeugen. Ein Teil der Kosten ist somit gedeckt, was nicht unwichtig ist. „Wir haben keinen Verlag, es geht alles über meine Homepage. Die Letzten, die Geld bekommen, sind der Künstler für seine Texte und ich als Sprecher.“
In Anbetracht des Ergebnisses hat sich der Aufwand gelohnt: Dass hier Texte eines geistig Behinderten zu hören sind, fällt irgendwann im positiven Sinne unter den Tisch. „Das ist mir auch wichtig. Was ist denn der Unterschied zwischen geistig behindert und nichtbehindert? Die denken einfach ein wenig grenzenloser und gesetzloser als wir. Vieles sprudelt dann einfach so raus. Dieses Ungebremste, teilweise auch sehr Originelle eignet sich für alle literarischen Texte“, meint Döring, der die Texte im vergangenen Jahr erstmals vor Publikum gelesen hat. „Die Leute waren geplättet von diesem Sprachwitz, gekoppelt mit tiefer Einsicht, die da zutage trat.“
Dabei ist das Hörbuch selbst harte Kost. Durchhören? Schwierig. Es gibt keine Handlungsstränge im eigentlichen Sinne. Der Grad der Verdichtung ist hoch, schräge Bilder inklusive. In einigen Momenten erinnern Sprachspiel und Wortartistik an den Poeten Oskar Pastior.
Vorgestellt wird „Myrderline. Meine Krankheit ist die Schwärze meines Kaffees“ im Rahmen eines abendfüllenden Programms in der Buchhandlung Graff („Rock the Graff“), am 13. Oktober um 17 Uhr. Die Akustikkapelle just4 um Soul-Sängerin Claudine Finke sorgt mit Interpretationen verschiedenster Songs für musikalische Akzente.
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