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„Ganz wie bei Mrozek“

Provoziert, unterhält und gibt Rätsel auf: „Tango“ im Kleinen Haus

Von Sebastian Walther

Braunschweig. Mehr als nur eine Pappkuh und nackte Kunst: „Tango“ im Kleinen Haus des Staatstheaters verbindet absurdes Theater mit gesellschaftlichen Nahaufnahmen.

Mit der künstlerischen Nackt-Performance von Marion Bordat und Mathias Schamberger zu beginnen, wird dem Stück des polnischen Autoren Slawomir Mrozek nicht gerecht. Doch wie sich das Elternpaar da als Adam und Eva Kunstblut auf die nackten Leiber schmiert, bleibt neben der lebensgroßen Kuh, aus der Bordat gekrochen kommt, eben als Bild haften. Gleichzeitig illustriert die freizügige Darbietung der Erziehungsberechtigten treffend das Dilemma des verzweifelten Filius: Wie soll man gegen solche Eltern noch aufbegehren? „Eure Welt lässt sich nicht einmal mehr in die Luft sprengen, sie hat sich von selbst aufgelöst“, klagt der Sohn eine Generation an, die jedes Tabu bereits gebrochen hat. Als kleiner Despot herrscht er und sehnt sich doch nur nach Regeln und Strukturen. „Nichts ist mehr möglich, weil alles möglich ist.“
Mrozek gehört zu den meistgespielten polnischen Autoren des 20. Jahrhunderts, sein „Tango“ zählt längst zu den Klassikern der Moderne. Geschrieben hat er es 1964, wohl unter Vorzeichen des Sozialismus, aber eben nicht nur über ihn. Vielmehr ist sein absurd-groteskes Stück in erster Linie als Gesellschaftsdrama zu verstehen. Konventionen als Gerüst des Miteinanders sind eben nicht nur für die Jugend unabdingbar. Es stürmt selbst der toleranteste Vater mit gezogener Waffe das Schlafzimmer seiner Frau, wenn er von ihrem Hausfreund erfährt. Das alle wenig später wieder friedlich zusammen Karten spielen, ist dann eben „ganz wie bei Mrozek“ – in Polen ein beliebter Ausspruch im Alltag.
Wie absurd neben dem Familienleben auch das politische System agieren kann, dass hat der polnische Autor immer wieder in seinen Werken thematisiert. Welches Regime auch immer in „Tango“ gemeint sein mag, hier darf der Onkel erst Mitläufer und später ausführendes Gewaltorgan der neuen Ordnung spielen. Und dabei ist den familiären Machthabern jedes Mittel recht: „Wenn`s nicht anders geht, Kugel in den Kopf.“ Am Sonntag wird ab 18 Uhr wieder geschossen.
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