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Fürsorge bis zum Schlussakkord

Polnische Perlen im Einsatz (von links): Insa Rudolph, Kristina van de Sand, David Kosel, Philipp Grimm, Fanny Staffa, Nientje Schwabe, Mattias Schamberger. Foto: Volker Beinhorn

Der Werkgruppe 2 gelingt mit der Uraufführung von „Polnische Perlen“ berührendes Dokutheater.

Von André Pause, 23. März 2014.
Braunschweig. Die Ausbeutung der osteuropäischen Arbeitsmigranten in

Deutschland steht im Widerspruch zur immer wieder gewollten Willkommenskultur hierzulande. Die Göttinger Werkgruppe 2 hat diese Thematik
auf die Bühne des Staatstheaters gebracht.

Mit der Uraufführung des Stückes „Polnische Perlen“ gelingt dem Kollektiv zum Auftakt der Themenwoche Interkultur ein beeindruckendes wie berührendes Stück Dokumentartheater. 15 detaillierte Recherche-Interviews haben Regisseurin Julia Roesler und Dramaturgin Silke Merzhäuser für ihr Projekt geführt. Schon die Gesprächspartner zu finden, erwies sich als große Hürde, denn osteuropäische Pflegekräfte – die polnische Herkunft wird Pars pro Toto (ein Teil für das Ganze) verwendet – arbeiten oft rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.
Extrakte des Rechercheprotokolls werden nun auf der Bühne des Kleinen Hauses erzählt, allerdings nicht von den osteuropäischen Zitatgebern, sondern von sechs professionellen Schauspielern. Sie verschmelzen die Bewegungen, die Mimik und den kantigen Akzent mit viel Empathie zu Porträts der befragten „Perlen“, die sich den Zuschauern so authentisch vermitteln, dass der eine oder andere feuchte Augen bekommt. Die Alten im Stück werden verkörpert durch vier im Rollstuhl sitzende Musikerinnen, die mal elegisch oder verstört, dann wieder etwas flotter und voller Harmonie ihre Streichinstrumente zupfen, beziehungsweise spielen. Die Klänge sind ihr Sprachersatz. So kommunizieren die Alten untereinander, so zeigen sie Gefühle, und wenn alles passt, entsteht der emotionale Kontakt zum Pflegepersonal, wird ein einheitlicher Rhythmus gefunden, wie beim gemeinsamen Teppichklopfen. Zwischen Füttern, Füße kneten, Putzen und Alten die Kleidung wechseln erzählen die Schauspieler die Welt ihrer Figuren. Liebevolle und fürsorgliche Berührungen stehen im Kontrast zur wirtschaftlichen Not der Pflegerinnen. Wenn hier Gefühle, wie Ekel, beim Wickeln der Patientin oder das schlichte Heimweh nach Familie und Heimat thematisiert werden, geschieht das mit beklemmender Intensität. Auch die positiven Aspekte dieser Tätigkeit werden in der Inszenierung nicht verschwiegen. Was bleibt, ist das Dilemma, dass die in anderen Bereichen gut ausgebildeten Kräfte auf das Geld – maximal 1500 Euro erhalten Kurzzeitpflegekräfte in Deutschland – wirklich angewiesen sind, und dass unser Gesundheitssystem im Gegenzug wohl auch nicht ohne sie auskommt.
Die Werkgruppe 2 bringt die Schlussakkorde des Lebens in 100 Minuten präzise auf den Punkt. Dazu zeichnet das anrührende Bühnenbild (Julia Schiller) mit schweren Vorhängen, alten Teppichen und Lampenschirmen das in die Jahre gekommene bürgerliche Wohnzimmer millimetergenau nach. Exakt so wohnen Menschen auf den letzten Metern der Zielgeraden ihres Lebens. Starker Applaus und Bravos.
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