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„Europa muss Farbe bekennen“

Gerstäcker-Preisträger Dirk Reinhardt neben Daniel Erfurt (links, Jugendjury), Dr. Ina Brendel-Perpina (Preisjury) und Bürgermeisterin Annegret Ihbe (rechts). Foto: Matthies
Der Roman „Train Kids“ von Dirk Reinhardt wurde mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis ausgezeichnet. Von Christoph Matthies, 27.04.2016. Braunschweig. Mit dem Roman „Train Kids“ hat der Autor Dirk Reinhardt ein literarisches Roadmovie zum Thema Flucht und Migration geschaffen. Vergangene Woche wurde der Autor mit dem alle zwei Jahre vergebenen Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet.

Als „spannenden Abenteuerroman mit großem Sog“ bezeichnete Jury-Mitglied und Germanistin Ina Brendel-Perpina in ihrer Laudatio in der Dornse des Altstadtrathauses die Reise von fünf Jugendlichen auf Güterzügen durch ganz Mexiko. Das gemeinsame Ziel der Schicksalsgemeinschaft: Die USA, so etwas wie das gelobte Land für die arme Bevölkerung Süd- und Mittelamerikas. Hunger und Durst, Hitze, Kälte und Trockenheit, brutale Räuberbanden und korrupte Polizisten: Die jungen Armutsflüchtlinge kommen immer wieder an (ihre) Grenzen – und nur wenige schaffen es am Ende an das Sehnsuchtsziel.

Jugendbuchautor Reinhardt war an den Orten der Handlung, wo er für das Buch recherchiert und mit den jugendlichen Auswanderern gesprochen hat. Rund 50 000 von ihnen seien in Mexiko ständig unterwegs. „Ohne die Reise nach Mexiko und die Gespräche mit den Flüchtlingen hätte dieses Buch so nie entstehen können“, sagt er.

Der Mut der jungen Leute hätte ihn beeindruckt, verrät Reinhardt. Und natürlich habe die Arbeit an dem Buch, das ein hierzulande ausgeblendetes Thema behandelt, auch sein Denken zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise in Europa und dem Nahen Osten beeinflusst. „Was in Mexiko die Güterzüge sind, sind in Europa die Boote übers Mittelmeer. So wie die USA versuchen, ihr Flüchtlingsproblem von Mexiko lösen zu lassen, soll es hier bei uns jetzt die Türkei richten“, zieht der 52-jährige Schriftsteller nachvollziehbare Parallelen. „Und das ist weder für die USA noch für die EU ein Ruhmesblatt.“

Reinhardt stellt in seiner Dankesrede wichtige Fragen: „Die Flüchtlinge zwingen auch uns in Europa dazu, Farbe zu bekennen und zu definieren, was wir eigentlich sein wollen. Soll Europa eine echte Wertegemeinschaft sein mit den Grundwerten der Aufklärung, des Humanismus, der Menschenrechte und der christlichen Nächstenliebe? Das wäre wünschenswert. Oder soll es ein rein ökonomisch ausgerichtetes Staatenbündnis sein, mit dem ausschließlichen Zweck, seinen Mitgliedern im globalen Wettbewerb Vorteile zu verschaffen? Das wäre fatal!“
Der mit 8000 Euro dotierte Friedrich-Gerstäcker-Preis ist der älteste Jugendbuchpreis Deutschlands. Die Nominierungen werden von einer Jugendjury vorgeschlagen, bevor eine Preisjury den Gewinnertitel wählt.
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