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„Es gibt da wenig schönere Tage in diesem Jahr“

Lokalmatador Axel Bosse. Foto: Chrstian Rocket/Chris Glatthor

Lokalmatador Axel Bosse ist am 18. Juli auf der Konzertbühne im Raffteichbad zu erleben – Release des Livealbums am selben Tag

Braunschweig, 09.07.2014.

Am 18. Juli veröffentlicht Axel Bosse sein erstes Live-Album „Kraniche – Live in Hamburg“ und ist am gleichen Abend mit seiner Band im Braunschweiger Rafteichbad auf der Brawo-Bühne zu erleben. André Pause hat mit dem Musiker telefoniert.

? Axel, dein Livealbum erscheint am 18. Juli und am Abend spielst du im Raffteichbad. Das ist ja zu schön um Zufall zu sein...

! Ja, genau. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Es sind so zwei Kerben in meinem Hölzchen. In Braunschweig ein eigenes Open Air spielen – wir haben ja letztes Jahr schon mit Madsen eines gespielt – war immer schon ein Traum und ein Livealbum ganz genauso. Jetzt kommt beides am selben Tag. Es gibt da wenig schönere Tage in diesem Jahr für mich.

? Gibt es 2014 auch noch eine Tour?

! Es gibt noch eine Akustik-Tour, die startet Ende August mit drei Konzerten in Berlin und Hamburg, und dann gehen wir im November und Dezember noch einmal auf große Tour. Da spielen wir dann aber in Hannover, weil ab einer Größe von tausend Leuten schwierig ist, alle zwei Monate in einer Stadt zu spielen. Das macht man nicht mehr (lacht). Dafür hat Braunschweig das eigene Open Air, das ist, wie ich finde, aber auch einiges wert.

? Du bringst ja eine ungeheure Energie auf die Bühne. Normalerweise wäre doch längst ein Livealbum fällig gewesen. Gab es da schon mal Überlegungen?

! Wir haben die letzten fünf Jahre auf jeden Fall immer mitgeschnitten. Das mache ich sowieso. Wenn wir eine Tour spielen, dann spielen wir meistens so 20 Konzerte, und da lasse ich eigentlich immer fünf Konzerte komplett mitschneiden. Wir haben auch oft Freunde als Kamerateam dabei, und sehr viel Material gesammelt. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, aber eigentlich immer auf den Abend gewartet, der die bestimmte Magie hat, an dem man schon auf der Bühne merkt: O.k., das ist hier einfach was Besonderes. Und ich hatte vor allem Lust auf ein Konzert, das man quasi in einem Rutsch durchlaufen lassen kann. Das ist uns vorher irgendwie nicht gelungen. Ich hätte es stückeln müssen: drei Songs aus Braunschweig, vier Songs aus Hannover, fünf Songs aus München.... Und das war mir alles ein bisschen zu faserig. Der Abend in Hamburg war einfach so besonders: Es war das letzte Konzert des Jahres, alle Freunde, die ich mit mir auf der Bühne hatte – auch meine Cellistin, die mittlerweile in Frankfurt und New York im Orchester spielt – sind noch mal gekommen, die Mädels von Boy, Sebastian Madsen und alte Weggefährten. Das hat es besonders gemacht, und dann natürlich die Anspannung, dass wir in dieser ausverkauften 7000er-Halle spielen. Es lag dann fast auf der Hand, dass wenn da nicht einer totalen Mist baut auf der Bühne, wir das dann genauso nehmen. Deswegen hatten wir an diesem Abend noch ein paar Kameras mehr dabei.

? Der Bühnenmoment ist für dein Publikum ein Ereignis, für dich wie du es schilderst auch. Kannst Du beschreiben, was mit dir passiert, wenn du auf die Bühne gehst?

! Es gibt natürlich solche und solche Abende. Seit einer gewissen Zeit – das hat aber auch viel mit dem Alter und der Bühnenerfahrung zu tun – ist es bei mir so, dass ich es schaffe, nicht mehr so zu sein, wie ein 17-Jähriger, der gerade den Führerschein macht, der an alles denken muss: Jetzt kommt der zweite Gang, dann der Schulterblick ... Ich mach das so, dass ich im besten Falle komplett an nichts denke, außer an das. Man ist wirklich in diesem Moment. Das ist für mich der beste Zustand des Musikmachens.

? Außerdem hast du eine eingespielte Band...

! Wir haben jetzt am Mittwoch Zehnjähriges (heute). Am 10. Juli vor zehn Jahren haben wir im Jolly Joker unser erstes Bühnen-Konzert gespielt.

? Jetzt sind wir schon wieder zurück in Braunschweig. In deinem Song „Schönste Zeit“ vom Album „Kraniche“ fasst, du Erinnerungen an deine Aufbruchszeit im Braunschweiger Land zusammen. Du bist ja hier aufgewachsen, dann relativ zeitig nach Berlin gegangen und lebst nun in Hamburg. Könntest du dir vorstellen, noch mal in die Provinz Braunschweig zurückzukehren?

! Jaja, auf jeden Fall. Ich bin mir nur noch nicht sicher, was meine Frau dazu sagt, weil die schon Hamburger Deern ist. Die wohnt, seit sie denken kann, in der Stadt. Ich fühle mich dagegen in Braunschweig am allerwohlsten, weil ich es am besten kenne, dort die längste Zeit meines Lebens verbracht habe. Zeit, in der man Erfahrungen sammelt; und da habe ich in Braunschweig schon ein paar Verbindungsplätze. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich könnte es mir schon vorstellen, ich glaube aber bei meiner Frau fällt die Entscheidung zwischen Braunschweig und Hamburg immer auf Hamburg.

? Hättest du deine musikalische Karriere ohne einen Weggang ansatzweise so gestalten können?

! Das Musikerleben in Braunschweig ist natürlich, genau wie in Berlin oder Hamburg irgendwann, begrenzt. Ich habe oft das Gefühl, dass ich hier in Berlin jetzt auch jeden Musiker kenne. Dann bin ich manchmal ganz froh, wenn ich mal ein halbes Jahr nach Istanbul gehe. Da lerne ich wieder ganz andere Leute kennen. Ich denke, man kann dasselbe Lied in Braunschweig schreiben oder in Cottbus oder in Hamburg, das ist völlig egal. Ich glaube man muss sich nur einigermaßen frisch halten als Musiker und Lust haben, zu schreiben.

? Wie hältst du dich frisch?

! Ich texte natürlich, ich beobachte sehr gerne, finde irgendwie ganz viele kleine Sachen interessant. Außerdem lese ich total viel, ich reise echt eine Menge, und ich lerne ganz viele Leute kennen. Ich habe schon oft besondere Momente, auch Abschiedsmomente, weil ich zurzeit fast täglich woanders bin. Aus diesem Potpourri ergibt sich dann ganz oft irgendetwas, bei dem ich merke: Ich hab Lust darüber zu schreiben. So war das eigentlich mein Leben lang. Alles, was sich länger als einen Tag im Gehirn hält, hat auch eine Wichtigkeit, die es rechtfertigt, darüber einen Text zu schreiben. Wenn man sich nicht allzu blöd anstellt. Das mache ich natürlich immer noch oft. Es heißt nicht, dass ich jeden Tag drei Texte raushaue.

? Du setzt dich aber schon gezielt hin?

! Es ist erst einmal ein Sammeln. Ich bin echt ein Sammler und es ist immer noch total chaotisch. Irgendwann kommt dann so eine Zeit, die habe ich jetzt im Moment gerade, da setze ich mich ins Auto und denke: Ach komm, meine Mädels sind gerade für drei Tage in der Türkei, jetzt fahre ich mal nach Amsterdam. Sehr gezielt, so dass ich die Gitarre mitnehme und da auch ein Klavier stehen habe, ein Studio habe, und dann setz ich mich da eben rein und weiß: Jetzt mache ich drei Tage nur Musik. Ob dann was passiert, weiß ich nicht, aber mich konkret damit zu befassen, finde ich immer gut.

? Deine letzten Alben hast du alle im Zweijahresturnus veröffentlicht. Jetzt wo du so fleißig am Sammeln bist: Erscheint im kommenden Jahr ein neues reguläres Bosse-Album?

! Ich habe schon das Gefühl, dass es im nächsten Jahr was geben kann. Ich glaube aber nicht im März, wie sonst immer. Dafür ist das „Kraniche“-Album auch zu intensiv gelaufen. „Vier Leben“ läuft jetzt gerade wieder im Radio. Man müsste dann jetzt im November schon wieder mit einer neuen Single kommen, und ich glaube, das ist einfach zu viel Außenwirkung. Ich habe jetzt auch mal Bock auf mindestens ein halbes Jahr Ruhe. Und die Akustik-Tour kommt ja auch noch. Irgendwann im nächsten Jahr wird aber auf jeden Fall etwas passieren.

? Du hast dich insgesamt ja sehr konstant entwickelt. Seit „Taxi“ geht es steil bergauf. Wie erklärst du dir selbst deinen Erfolg und deine Popularität, auch vor dem Hintergrund der Musikpreise, die du in letzter Zeit erhalten hast (Deutscher Musikautorenpreis 2014 etc.)?

! Es ist ja mal doof, so über sich selbst zu reden. Aber wenn ich mir das von außen angucken würde, würde ich sagen: Ich habe schon versucht, keine Scheiße abzuliefern (lacht). Also ich habe immer versucht, gute Alben zu machen. Ich finde auch, dass mir das seit „Taxi“ ganz gut gelungen ist. Mir ist ganz wichtig, dass ich nicht das Gefühl habe, dass ich mich wiederhole oder dass ich stehenbleibe und dasselbe Album, beispielsweise „Wartesaal“, noch mal schreibe. Ich habe gezielt darauf geachtet, dass „Kraniche“ anders wird. Nicht wegen der Leute, die meckern ja oft darüber, dass ich mich verändere, sondern meinetwegen. Und ich habe natürlich eine Band, die immer Bock hatte und auch schon Bock hatte, als keiner vor der Bühne stand. Das ist der springende Punkt: Es sind, glaube ich, die Texte, die Songs, aber auch der Umstand, dass wir an jeder Milchkanne mal live gespielt haben – und auch immer gut waren, egal wer da war und wie viele Leute da waren. In Städten wie Cottbus, wo wir vor wenigen Leuten angefangen haben, wo mittlerweile aber auch 3000 kommen, ist es wirklich brutal merkbar, wie das immer mehr wird, wie die das auch so weitererzählen. Das war früher schon so. Wenn wir irgendwo vor 50 Leuten gespielt haben, waren beim nächsten Mal 180 da, dann 500 und auch schon mal 1000.

? Macht dir die Zuneigung auch manchmal Angst, Stichwort: Vereinnahmung?

! Jeglicher Kontakt mit den Leuten ist angenehm. Das liegt aber auch daran, dass ich kein Hype- oder Teenie-Thema bin. Ich glaub, da gibt es andere, auch Leute, die ich kenne, die Probleme haben, weil da stündlich an der Haustür geklingelt wird oder die gestalkt oder so gut gefunden werden, dass es schon fast hysterisch ist. Das hatte ich noch nie. Meine Leute sind im Schnitt gerade so alt, dass sie studiert haben und anfangen einen Beruf auszuüben oder die haben gerade ihr erstes Kind bekommen, oder ihr fünftes, meine Altersspanne ist ziemlich groß. Aber es sind nicht so krass viele 14 bis 20 Jährige, die schon manchmal nerven können, wenn sie hysterisch auf irgendwelche Hip Hopper abgehen. Wenn mich jemand anspricht, dann meistens so: Ey, Alter, in Flensburg auf dem Konzert habe ich meine Frau kennengelernt, die ist dann auch gerade nach Flensburg gezogen zum Studieren, unser Sohn heißt Bosse und wir heiraten nächste Woche. Das ist dann gut. Es gibt auch andere Sachen, aber es ist nicht so, dass ich denke, es ist distanzlos.

? Apropos Popularität. Du hast gleich zweimal am Bundesvision Song Contest teilgenommen, den Wettbewerb 2013 sogar gewonnen. Würdest du die Starts rückblickend als ausnahmslos positive Aktionen beschreiben, oder gab es auch Momente, in denen du gezweifelt hast?

! Bei mir ist es schon so, dass ich nicht bei allem mitmache. Ich könnte momentan jede Sendung machen, alles, was im Fernsehen mit Musik zu tun hat, und auch im Radio. Ich kriege eigentlich täglich Angebote, sage aber eigentlich immer alles ab. Den Bundesvision Song Contest habe ich nicht abgesagt, weil ich die Bands die mitgemacht haben – auch schon beim ersten Mal – irgendwo super fand. Ich denke am Ende natürlich, dass Musik nicht messbar ist, über eine SMS, die irgendein Fan schreibt. Musik ist an sich kein Wettbewerb. Aber Wettbewerbe haben eben – auch in Braunschweig damals: New Sensation, das habe ich mit meiner ersten Band (Hyperchild) mitgemacht, wo es um Publikumsapplaus ging – haben einfach zur Folge, dass du vor irgendwem spielst. Und im Falle von ProSieben eben vor 1,5 Millionen Leuten zwischen 20.30 und 23 Uhr. Und da mache ich gerne mit. Es ist irgendwie ein gutes Format. Eigentlich momentan das einzige Musikformat – mit Inas Nacht – wo man einfach sein Lied singen kann im Fernsehen, ohne jetzt eine große Promo dahinter zu haben oder eine Riesenplattenfirma, die das reindrückt oder ganz viel Geld dafür ausgibt. Und deswegen fand ich das erst mal super. Mir hat das jetzt nicht geschadet. Ich bin aber auch danach direkt in den Urlaub gefahren, muss ich sagen. Ich habe da gar nicht so viel mitgekriegt.

? Der BSC 2014 gehört mit deinem Gewinn im Vorjahr eigentlich nach Braunschweig. Jetzt findet er in der Göttinger Lokhalle statt.

! Ich habe mich natürlich total dafür eingesetzt, dass er in Braunschweig stattfindet. Es ist nur einfach so, dass die Backstage-Möglichkeiten nicht ausreichend sind, um so viele Bands und solch eine Riesenproduktion unterzubringen. Und es gab, glaube ich, noch eine Folgeveranstaltung, die auch genervt hat. Irgendwas mit Pferden oder so. Weiß ich aber auch nicht mehr so genau. Ich finde es schade, aber auch O.k., dass es nun in Göttingen ist – und nicht in Hannover.

? Die Rivalität mit Hannover bringt mich zur Fußballfrage. Du bist Eintracht-Fan, guckst du dir die Spiele in der zweiten Liga auch live an?

! Meine Dauerkarte geht ganz normal weiter, also komme ich so wie immer. Ob erste Liga oder zweite Liga. Das war auch in der dritten Liga schon so.

? Bist du auswärts auch dabei?

! 90 Prozent meiner Freunde sind St. Pauli-Fans, und ich spiele mit den St. Pauli-Kickern auch manchmal in Hamburg für Viva Con Aqua. Das ist natürlich toll, dass wir jetzt wieder St. Pauli gegen Braunschweig haben. Da freue ich mich drauf. Ich stehe natürlich im Braunschweiger Block. Trotzdem: Es ist bei mir um die Ecke, und mir lieber als zum HSV zu fahren.
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