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Einer, der einzog, Otto zu sein

Hendrik Becker verkörpert ein Jahr lang die historische Figur des Welfenkaisers

Von Martina Jurk

Braunschweig. Otto IV. ist auf der Durchreise nach Italien, bevor er in Rom zum Kaiser gekrönt wird. Er nimmt sich die Zeit für einen Plausch bei einem Pott belebenden Koffein-Trunks unweit des Burgplatzes. „Die Braunschweiger sind ein sehr offener und sympathischer Menschenschlag“, ist der „König“ angetan von seinem Volk.

So ähnlich könnte es Otto vielleicht tatsächlich gesagt haben. Aber wir haben natürlich nicht den König und späteren Welfenkaiser getroffen, sondern Hendrik Becker. Der freiberufliche Künstler und Leiter des Theaters Löwenherz in Wettmar ist für ein Jahr in diese Rolle geschlüpft, um der historischen Figur Leben einzuhauchen.
„Was und wie Otto gesprochen hat, ist nicht überliefert. Die richtige Wortwahl zu finden, ist also sehr schwierig“, sagt der Mime. Leichter falle ihm, den Wechsel zur höfischen Körpersprache hinzubekommen. Wie wurde Hendrik Becker Kaiser? „Die Rolle war vom Stadtmarketing ausgeschrieben. Ich habe mich darauf beworben.“ Das Mittelalter ist dem 31-jährigen gebürtigen Münsteraner vertraut. In diesem Zeitalter spielt manchmal sein Clown- und Walk-Act-Theater, in dem er als Gaukler „arbeitet“. Seit er 15 Jahre alt ist, spielt Hendrik Becker Theater. Eigentlich wollte er wie sein Vater Arzt werden, kam dann über Umwege zur Theaterpädagogik. „Ich wollte unbedingt etwas mit Kindern machen.“ Er ging zur Clownsschule in Hannover. „Ich habe meine Ausdrucksform gefunden“, meint der sympathische Schauspieler. Er „lebt“ in seinem Theater die Clownsfigur Papilian.
Trotz seiner darstellerischen und Improvisations-Erfahrungen sieht er die Otto-Rolle nicht ganz problemlos. „Solche Figuren kann man normalerweise selbst ausgestalten und mit Leben füllen. In Braunschweig ist das etwas anders, weil Otto IV. mit einer konkreten Ausstellung verbunden ist, und ich deshalb im authentischen Bereich bleiben muss. Einerseits soll Otto zum Anfassen sein, andererseits müssen die historischen Klischees eines Königs oder Kaisers gewahrt werden. Das ist ein dünnes Seil, über das ich gehe.“ Becker hat sich mit der historischen Figur des Welfen beschäftigt. „Otto ist relativ unbekannt, und man gleitet schnell ins Spekulative ab. Historisch gesehen ist er keine sympathische Figur. Fürs Publikum aber soll sie es sein“, beschreibt der Darsteller das Knifflige an seiner Rolle.
So wächst „sein“ Otto am Publikum, er entwickelt ihn weiter von Auftritt zu Auftritt. Hendrik Becker versucht, einen emotionalen Zugang zum historischen Vorbild zu finden. Den fand er zum Beispiel am Hoftag zu Pfingsten. „Als ich auf den Burgplatz eingeritten bin, das war ein sehr bewegender Moment für mich.“ Zu sehen, wie Otto immer mehr bei den Menschen ankommt, sei spannend zu beobachten. Geschichtlich „sattelfest“ ist auf jeden Fall das Kostüm, in dem der Schauspieler als Otto sein Reich in Augenschein nimmt. „Es wurde mit Akribie vom Veranstalter ausgesucht“, weiß Becker, dessen Lebensgefährtin auch Kostüme gestaltet.
Auf den Mimen kommen im Kaiserjahr noch einige Auftritte zu: beim Ritterturnier an diesem Wochenende, beim Minnesang-Festival, während der Landesausstellung und beim Krönungstag. Dann liegt ein Jahr Braunschweig hinter Hendrik Becker – für ihn eine spannende Zeit. „Ich persönlich habe eine neue Stadt entdeckt. Die Braunschweiger Geschichte macht Spaß, und es macht Spaß, hier zu arbeiten“, schwärmt er. Seine blauen Augen strahlen dabei. Ob Otto blaue Augen hatte, ist nicht überliefert …
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