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Eine Stadt ist mehr als die Summe ihrer Teile

 
Experimentierfeld Kunst: Das Projekt Hollerhafen ist ein schönes Beispiel, wie eine Stadt sich selbst neu erfindet.

„Wolfsburg unlimited – Eine Stadt als Weltlabor“ zu sehen bis zum 11. September – Volkswagen-Stadt, Wirtschaftsmotor und viel Beton.

Von Marion Korth, 06.05.2016.

Wolfsburg. Zwischendurch möchte man sich schaudernd abwenden. Nicht, weil Wolfsburg hässlich ist, das vielleicht auch. Aber darum geht es in der neuen Ausstellung „Wolfsburg unlimited“ im Kunstmuseum Wolfsburg nicht. Zum Antritt hat Ralf Beil, seit Februar neuer Direktor, dort eine künstlerische Gesamtsicht versammelt. „Die Stadt war für mich von Anfang an etwas Besonderes. Wolfsburg als die Hauptstadt von VW – hier bündelt sich Deutschland wie in einem Brennglas“, sagt Beil.

Wolfsburg, die Stadt des KdF-Wagens, geplant von den Nationalsozialisten am Reißbrett, bis hin zum dazugehörigen Konzentrationslager alles durchgeplant.
Und später? Die Menschen scheinen nur am Rand als Arbeitskräfte und Staffage zu interessieren. Das Modell des Stadtteils Detmerode – die Nadeln der Baumattrappen auf der Platte mittlerweile rostig – ist ein Beispiel verfehlter Planung. Ein Problemort. „Wolfsburg hat keine Mitte“, sagt Beil beim Rundgang. Selbst die Autostadt ist völlig autark, ein Kosmos in sich – das VW-Werk sowieso.

In geschichtlichen Rückgriffen, dokumentarischem Blick auf die Gegenwart und verspielter Zukunftsmalerei bewegt sich die Ausstellung. Mal zieht einen der rote Faden vorwärts, dann scheint er sich zu verheddern. Zeitfenster schlagen auf und wieder zu, überlagern sich. „König Nordhoff“ wird in einem Museumsraum stilisiert, der Mann, der das Unternehmen prägte wie kein Zweiter, seit 1948 war er Generaldirektor der Volkswagenwerk GmbH und ab 1960 Vorstandsvorsitzender der Volkswagenwerk AG. Die Bildsprache historischer Aufnahmen so wuchtig und überhöhend, wie wir sie von den Nazis kennen. Nordhoffs gesammelte Jagdtrophäen an der Wand, die die gleiche Allmacht symbolisieren. Schaurig.

Peter Bialobrzeski wohnte früher in Wolfsburg, jetzt kam er auf Einladung zurück. Ernüchternd sein Blick auf die Stadt, die der Fotograf für sein „Wolfsburg Diary“ durchstreift: Seelenlose Hausfassaden, Mülltonnen in Reih und Glied, Notizen über die „Wolfsburger Zelle“ und ihre IS-Kämpfer und den Abgasskandal, der in diesen Tagen Ende September 2015 ruchbar wird. Erdrückend auch Julian Rosefeldts Monumentalinstallation „Midwest“, die ins kalte Herz eines Containerhafens führt, dessen Lebensader Autos und irgendwie dunkle Machenschaften zu sein scheinen. Endzeitstimmung im Halbdunkel eines Autokinos. Oder Aktionskünstler John Bock, der den Mann vom Bauamt und seine Gedankenwelt seziert hat.

Schonungslos versucht eine Stadt, sich selbst auf den Grund zu gehen. Eine Stadt, die in sich selbst gefangen ist und doch das Zeug dazu hat, über sich hinauszuwachsen. „Baubeginn September 2016“, verkündet das große Bauschild vor dem Museum, dessen davorliegender Hollerplatz geflutet und zum Hollerhafen werden wird. Ein Netz von Wasserstraßen haben die „bms“-Architekten in ihrer Zukunftsvision über Pflaster und Beton gezogen. Baubeginn September 2016? Warum nicht?!
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