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„Eine harte Prüfung für alle“

Eigentlich könnte alles so schön sein. Hier ein Beispielfoto aus dem Unterricht an einer Grundschule in Bonn. Foto: Ulrich Baumgarten/Getty Images

Drei Grundschullehrerinnen erzählen aus ihrem Alltag und fordern: Zwei Lehrkräfte pro Klasse.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 25.05.2014.

Braunschweig. Drei Grundschullehrerinnen mit vielen Jahren Berufserfahrung, drei Pädagoginnen, die ihren Job noch immer sehr gern machen, drei Schulen – eine Geschichte: So kann es nicht weitergehen.

Die Lehrerinnen reden nur anonym mit uns. „Eigentlich dürfen wir als Beamte gar nicht in der Öffentlichkeit Schulwirklichkeit kritisieren. Wir sind dem Staat gegenüber eine Verpflichtung eingegangen. Aber zum Staat gehören auch die Kinder und wir tragen ebenso Verantwortung für ihre Entwicklung.“ Deshalb heißen die Kolleginnen hier im Artikel A, B und C. Zum Thema Druck von oben siehe auch „Kleine Geschichte am Rand“.
Nach den Berichten der drei Frauen zwischen Mitte dreißig und Mitte fünfzig knirscht es schon lange im Schulbetrieb, zum überlaufen aber hat das berühmte Fass die jüngst beschlossene Inklusion gebracht.
Veränderte Realität

„Alle, die anders sind, dürfen bleiben“, beschreibt Lehrerin A den Anspruch, „eigentlich ein ganz wunderbarer Ansatz“, sagt sie, aber was das für alle bedeutet, das habe kaum jemand im Blick. „Es ist hart“, fügt sie an, „und zwar für alle.“
Jedes Kind mit Inklusionsbedarf habe Anspruch auf zwei Förderstunden pro Woche, beispielsweise in Mathe und Deutsch, erklärt Lehrerin B. „Das ist zum einen viel zu wenig, zum anderen findet der Förderunterricht oft parallel zum normalen Unterricht statt, das heißt, die Kinder verpassen während der Förderstunde wieder anderen Unterricht.“
Zu diesem besonderen Problemfeld kommt der ganz normale Alltag, der heute mit anderen Kindern gestaltet werden muss, als noch vor 20 Jahren. „Die Gesellschaft hat sich verändert und dementsprechend auch die Kinder“, sagen die Lehrerinnen einhellig. „Viele sind auf eine diffuse Art nicht gereift“, beschreiben die Pädagoginnen, manche Kinder seien überbehütet, andere vernachlässigt. „Motorische Fähigkeiten wie beispielsweise schneiden, aber auch die Konzentration oder die Fähigkeit, in einer Gruppe zu agieren, nehmen kontinuierlich ab“, beschreiben die Frauen die Veränderungen, die sie seit Jahren erleben.
Neben vielen positiven Beispielen sei auch unter Migrantenkindern mindestens eine tendenzielle Veränderung zu erkennen. „Viele der Kinder wachsen in behüteten Verhältnissen auf. Wir bemerken dabei allerdings, dass die Muttersprache wieder eine größere Bedeutung bekommt, unterstützt durch beispielsweise digitale ausländische Fernsehsender, was wiederum zulasten der deutschen Sprache geht“, berichten die Lehrerinnen.
Der normale Wahnsinn
Eine komplizierte Gemengelage. C gibt ein Beispiel aus ihrer Klasse: „Die Hälfte meiner Klasse benötigt besondere Förderung aufgrund von festgestelltem sonderpädagogischen Förderbedarf mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten; diagnostizierten Teilleistungsstörungen in Deutsch oder Mathe; nicht vorhandener Deutschkenntnisse durch Auswanderung; Verhaltensauffälligkeiten unterschiedlichster Art wie beispielsweise ADHS. Praktische Unterstützung, um allen Kindern gerecht zu werden, erhalte ich dabei kaum, sondern muss den Spagat zwischen den vielen unterschiedlichen Anforderungen allein bewältigen.“
Das bedeutet, dass fast die Hälfte der Schüler dieser Klasse, in irgendeiner Form besondere Aufmerksamkeit benötigen. „Für eine Deutschstunde beispielsweise wären 16 verschiedene Arbeitsblätter nötig, so unterschiedlich ist das Niveau“, macht die Klassenlehrerin deutlich. „Die sogenannten normalen Kinder sitzen ruhig daneben und helfen geduldig – eine Geduldsprobe für alle“, klagt die Pädagogin.
Die Spielräume sind eng. Selbst bei tätlichen Angriffen, völlig respektlosem Verhalten und extremen Auffälligkeiten, können die Lehrerinnen nur wenig tun. „Es gibt zwar einen Maßnahmenkatalog, der bis zum Unterrichtsausschluss führt, aber wir haben die klare Anweisung aus der Schulbehörde, damit sparsam umzugehen. Wir sollen lieber die Klasse benachteiligen, als ein einzelnes Kind auszuschließen.“ Warum? „Wir vermuten, dass dahinter die Angst vor der Öffentlichkeit steht“, sagen die Lehrerinnen.
Daneben häufen sich die administrativen Aufgaben: Für jedes „normale“ Kind muss ein Beobachtungsbogen geführt werden, für die „auffälligen“ Kinder Berichte geschrieben oder Gutachten angefertigt werden.
Vor diesem Berg an Anforderungen stehen die Lehrer in der Regel allein. „Heute gibt es an einigen wenigen Grundschulen glücklicherweise Sozialarbeiter, mit denen Lehrer sinnvoll zusammenarbeiten können. Doch selbst die kommen schon an ihre Grenzen und sind überlastet.“
Die vielzitierte Gruppenarbeit bleibt dabei auf der Strecke. „Die Politik fordert Individualunterricht, wir sind aber schon lange wieder zu häufigerem Frontalunterricht übergegangen“, sagen die drei Kolleginnen, „anders kommen wir gar nicht durch.“ Um so einen „Flohzirkus“ zu bändigen, braucht es klare Ansagen: Das machen wir, das will meine Lehrerin, das passiert jetzt.
Einfache Lösung

Lösungsvorschläge: „Wir hatten vor Jahren einen Versuch mit zwei Lehrern pro Klasse“, schaut eine der Lehrerinnen zurück, „wir hatten enorme Erfolge. Selbst schwierigen Kindern konnten wir helfen, haben sie in den Klassenverband integrieren können.“ Das koste zwar Geld, aber die Erfolge seien enorm, kein Kind ginge mehr verloren. „Außerdem kosten die vielen ausgebrannten Lehrer heute auch viel Geld.“


Fakten:

„Unsere Aufgaben als Grundschullehrer bei 28 Stunden, das heißt volle Stelle, das sind rund 50 bis 60 Stunden reale Arbeitszeit:

Unterrichtsvorbereitung: Stunden planen, Materialien herstellen, Tests entwickeln, differenzierte Aufgaben entwerfen, Projektwochen, Bastelfest, Ausflüge, Klassenfahrten planen und vorbereiten, Recherchieren, Nachdenken, Lesen, Herstellung von Kopiervorlagen, Kopieren, Besorgung von Materialien und mehr.

Unterrichtsnachbereitung:

Tests, Mappen, Hefte, Referate nachgucken, benoten.

Der Alltag:

Pausenaufsichten beim Frühstück, im Hof, im Haus,
Elterngespräche führen,
Zeugnis schreiben,
Angebote im Nachmittagsbereich,
Beobachtungsbögen führen,
Förderpläne schreiben,
Verstärkt Erziehungsarbeit leisten,
Konferenzen (Klassen-, Fach-, Gesamt-, Zeugnis-, Förderkommissionen),
Dienstbesprechungen, einmal wöchentlich 2–4 Stunden,
Planung, Leitung von Fachkonferenzen,
Fortbildungen,
Elternabend (1–2 pro Halbjahr), Elternsprechtag (1 pro Halbjahr, je 2 Nachmittage),
Schul- oder Klassenfeste,
Vorbereitende Arbeit mit Praktikanten, Sprachstandsfeststellung zukünftiger Erstklässler, Schulleitungsvertretung (Vertretungspläne).
• Schulbücherei (Bücher einkaufen, inventarisieren, organisieren)

Inklusion:

Grundschulen nehmen seit dem 1. August 2013 alle Schülerinnen und Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung auf.

Das bedeutet:

Vermehrt Gespräche mit Förderschulkolleginnen (persönlich, telefonisch, E-Mail),
Gehäuft Elterngespräche (Verhalten),
Gehäuft Klassenkonferenzen, Förderkommissionen,
Vermehrt Berichte schreiben (Antrag SozPädU),
Vermehrt Anträge und Berichte für Lernförderung schreiben (Arge, Ärzte),
Bögen von Ärzten ausfüllen,
Gehäuft Gespräche/Telefonate mit Logopäden, Schulkindbetreuung, Erziehungshelfern, Jugendamt, Gesundheitsamt.

Dringend erforderlich:

Mehr Ressourcen bereitstellen (personell, räumlich, finanziell),
Doppelbesetzung,
Mehr Förderstunden,
Kleine Klassen (unter 20 Kindern),
Weihnachts- und Urlaubsgeld,
Keine Einschränkungen im Handlungsspielraum (LSchB).
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2 Kommentare
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Nane Brecht aus Lehndorf-Watenbüttel | 25.05.2014 | 16:49  
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Nane Brecht aus Lehndorf-Watenbüttel | 25.05.2014 | 16:55  
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