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„Ein paar Buhs schaden nicht“

Wiederaufnahme Lohengrin: Regisseur Michael Sturmninger über sein umstrittenes Werk

Von Ingeborg Obi-Preuß

Für Braunschweig war das schon ganz schön viel Wirbel: Die Premiere von Lohengrin im Mai erntete viele Buhrufe aus dem Publikum, die Kritiken waren eher unfreundlich, vor allem das Bühnenbild und die Kostüme sorgten für Missbilligung. Jetzt, bei der Wiederaufnahme im September, war das Publikum ziemlich begeistert.

Zumindest die, die geblieben waren, denn einige hatten in der Pause die Flucht ergriffen. Aber nicht viele.
Womöglich soll die eine Kritik aus dem Mai recht behalten. Dort hieß es: „Im Premierenpublikum ist permanentes Nicht-Verstehen zu vermerken – und die zaghaften Buhs für das Regieteam sind offenbar der überraschend differenzierten Deutung zuzuschreiben. Prognose: Dieser vorsichtig historisch erklärende Lohengrin wird – nach eingehender Kommunikation – zu einem Erfolg für das Braunschweiger Haus.“
Das ist nur zu wünschen. Für mich gehört dieser Lohengrin mit zu den besten Produktionen des Staatstheaters. Ja, Kostüme und Bühne sind gewöhnungsbedürftig, aber für dieses Werk lohnt sich ein wenig Vorbereitung mit dem Programmheft.
Ausnahmsweise steht hier wirklich etwas zum Inhalt, Bühnenbildner und Regisseur sprechen darin über ihre Gedanken und Gefühle. Das hilft, um das oben zitierte „permanente Nicht-Verstehen“ zu überwinden. Und wenn man sich auf das Stück einlässt, ist es wunderschön.
Einfach ausprobieren. Es gibt nur noch eine Chance in dieser Spielzeit: Am nächsten Sonntag (2. November), Beginn 18 Uhr. Karten im Theater oder unter Telefon 1 23 45 67. Lohengrin am Staatstheater.

Umstrittene Premiere im Mai, jetzt bejubelte Wiederaufnahme. nB-Redaktionsleiterin Ingeborg Obi-Preuß sprach mit Regisseur Michael Sturminger über seine erste Inszenierung in Braunschweig.


? Ihre erste Regiearbeit in Braunschweig, wie beurteilen Sie das Ergebnis?

! Mein Lohengrin scheint wenig Freunde in Braunschweig zu haben. Noch immer ist mir nicht ganz klar, was da passiert ist.

? Wie haben Sie die Premiere im Mai erlebt?

! Die Reaktion fand ich erstaunlich, denn während der Aufführung hatte ich ein recht gutes Gefühl, das Publikum schien zufrieden, aber am Ende gab es so viele Buhrufe wie noch nie in meinem Leben.

? Schmücken Buhrufe, machen sie ein Stück interessant, oder schmerzt Ablehnung?

! Ein paar Buhs schaden nicht, und ich halte das schon aus, aber in Braunschweig scheint Wagner ein heiliges Terrain zu sein, das habe ich vielleicht unterschätzt.

? Wie war die Reaktion im Haus?


! Die Herren der Theaterleitung schienen mit den laufenden Proben recht glücklich zu sein, aber nach der Premiere gab es irgendwie keinen Kontakt mehr.

? Während der Proben gab es keine Einwände oder Warnungen?

! Gar nicht, ich habe die Arbeit in sehr schöner Erinnerung. Aber ich fürchte, die Buhs und auch einige Kritiken haben die Theaterleitung einfach verunsichert.

? Wie kam der Kontakt zu Braunschweig?

! Alexander Joel hatte mich in Salzburg gefragt, ob ich in Braunschweig inszenieren möchte. Ich habe gleich und gern zugesagt und Wagners Lohengrin vorgeschlagen.

? Kannten Sie Braunschweig vorher, was wussten Sie von der Stadt?

! Ich kannte Braunschweig nicht, hatte aber vom Theater und seinem A-Orchester gehört. Von der Stadt wusste ich nur, dass sie früher an der Zonengrenze lag. Das Theater ist wunderschön, ich habe mich sehr wohlgefühlt in der Stadt.

? Harsche Kritik gab es für Kostüme und Bühnenbild, wieviel Einfluss nehmen Sie da als Regisseur. Wie sah Ihre Arbeit genau aus?

! Ich trage die Verantwortung. Wir hatten sehr intensive Arbeitssitzungen. Erst habe ich mit dem Dirigenten die Partitur durchgearbeitet, dann kam das Ausstattungsteam dazu. Wir haben uns viele Fragen zu Lohengrin gestellt. In was für einer Welt spielt die Geschichte für uns? Wo sind die interessanten Konflikte? Ein großes Brainstorming, dann Konzeptionsgespräche, Zeichnungen für Bühne und Kostüm.

? Wie haben die Sänger auf Ihre Ideen reagiert?

! Sie waren begeistert. Die fünf Hauptakteure standen hinter dem Konzept, wir hatten eine tolle Probenarbeit.

? Haben die Sänger Ihre Ideen so hingenommen oder diskutiert?

! Das sind tolle Sänger, starke Persönlichkeiten, die sich nicht wie Schafe führen lassen. Wenn sie von einer Regieanweisung nicht überzeugt waren, haben wir diskutiert und erklärt. Es war ein partnerschaftliches Arbeiten, manchmal gab es auch Kämpfe, bis alle überzeugt waren.

? Das Bühnenbild ist heftig umstritten. Was haben Sie sich bei diesem Holzungetüm gedacht?

! Gregor Zivic hat einen rätselhaften Raum entworfen, der sich nicht gleich entwirren lässt, der sicher auch Geschmackssache ist. Ich finde ihn großartig, in mir weckt dieses Holzgerüst verschiedene Assoziationen: etwas von einem gestrandeten Wal, einem Dinosaurierskelett, vielleicht sogar von einem Schwan.

? Und die Kostüme?

! Nun, die sind offenbar das größte Problem. Wir hatten uns gefragt: In welcher Zeit soll unser Lohengrin spielen. 1936 war eine interessante Vorstellung. Ein Land, noch nicht im Krieg, aber kriegerisch und martialisch.

? Dann hätten Sie ja mit Hakenkreuzen und anderen Zeichen deutlicher werden können?

! Wir wollten nicht die ewigen SS-Männer. Wir wollten nicht zu sehr fokussieren, weil es verkleinert.

? Aber die Kostüme sind ziemlich hässlich? Warum?

! In einem Publikumsgespräch habe ich einmal die Menschen gefragt, mit wem im Saal sie ihre Kleider tauschen würden. Niemand wollte. Das macht klar, wir sehr auch hier der persönliche Geschmack eine Rolle spielt. Im Theaterstück spielt die Frage nach der Bedeutung des Kostüms eine größere Rolle als die – subjektive – von schön oder nicht schön.

? Und Lohengrin? Ein Cordanzug und ein schrecklicher Hut?


! Ja, dieser Hut. So ein Teil ist in der Kunstszene absolut hip. Aber auch Alexander Joel fand ihn während der Proben schon so furchtbar, dass wir ihn viel weniger eingesetzt haben, als ursprünglich geplant. Ihm zuliebe. Aber im Nachhinein ist es schon etwas absurd, dass ein Hut eine solche Wichtigkeit erhält.

? Die Geschichte spielt vor historischem Hintergrund: Brabant im 10. Jahrhundert. Sie hätten Lohengrin auch als Ritterspektakel aufführen können.

! Da könnte ich dann nur noch lachen. Lohengrin in der Ritterrüstung, da käme mir sofort die Frage in den Sinn: Auf welches Faschingsfest geht der jetzt? Und außerdem müsste ich ständig darüber nachdenken, wie so ein Kostüm klappert und scheppert. Im Schauspiel gefällt mir das schon, aber nicht in der Oper. Außerdem – wenn man das gut machen will, ist es unbezahlbar.

? Der Kern dieser Oper?

! „Nie sollst Du mich befragen....“ Das große Frageverbot. Die Musik sagt fast ständig: Nun frag doch endlich. Und natürlich fragt Elsa. Und so ist das im richtigen Leben. Frag halt, stell Dich der Realität, auch wenn der Märchenprinz dann ein ganz realer Mann wird. So wie in meinem Lohengrin. Am Ende steigen wir wieder aus aus diesem Traum, Elsa und Lohengrin sind ein ganz normales Paar.
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