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Ein Fest für den Schwebezustand

„Lightning Frightening“ im Wolfsburger Kunstverein ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Bildhauerin Elisabeth Stumpf. Foto: André Pause

Elisabeth Stumpf und Phillip Maiwald laden im Kunstverein Wolfsburg ein zur Interpretation.

Von André Pause, 10.06.2015.

Wolfsburg. Die Braunschweiger Künstlerin Elisabeth Stumpf scheint das Spiel mit der Uneindeutigkeit wahrlich zu lieben. Sichtbar wird das jetzt im Wolfsburger Kunstverein im Rahmen ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung „Lightning Frightening“, die bis zum 23. August geöffnet ist.

Droht die bildgewordene Behauptung gar zu manifest zu werden, folgt fast immer die bewusste Brechung, und der Schwebezustand ist wiederhergestellt. Da ist zum Beispiel dieser massige schwarze Berg, den Stumpf (Jahrgang 1982) so inszeniert, dass er etwas Fragiles erhält. In diesem Fall sind es die Materialien, die die Erwartung der monumentalen Landschaftsformation aufbrechen: Bettlaken sind eben auch schwarz gefärbt zu flauschig, um steinhart zu sein.
Im Mittelpunkt der begehbaren Installationen dieser Schau – um dies zu erkennen, muss der Besucher am Laken-Massiv vorbei oder hindurch – stehen der magische Ort und das religiöse Zeremoniell. Die Künstlerin ist gebürtige Münchnerin und auch im katholischen Bayern aufgewachsen. Die Erwachsenenwelt habe aus damaliger Sicht sehr interessant aber auch bedrohlich auf sie gewirkt. Teile ihres Erlebniskosmos – die Ernsthaftigkeit erneut radikal gebrochen – finden sich nun in der Ausstellung wieder: Elemente der Bildverehrung, die den Glauben an Heilige, Engel und andere göttliche Gestalten in den Vordergrund stellen, erscheinen zusammen mit schrill geschmückten Totems und quietschbunten Fantasiewesen.
Beobachtet wird die Szenerie - so könnte man meinen - von einer Art Tribüne aus. Penibel drapiert sind dort allerdings nur 44 Kommunionskleider, die Stumpf bei eBay erstanden hat, um Positionen „mit Geschichte“ zu haben. Wie oft heißt es irgendwo auf dieser Welt: Der Geist von Person X oder Y sei noch spürbar. Das ist hier natürlich erst recht so. Die „Geister“ oder Nichtgestalten sind mit glitzernden Holzpflöcken senkrecht gepfählt. Demzufolge verursacht die eigentlich friedvolle Szenerie zugleich einen enormen Schauder. Zu besichtigen ist eine (imaginäre) Fantasiewelt, in der sich Sehnsuchts- und Furchtgefühle abwechseln. Der Ausstellungstitel „Lightning Frightening“, ein Song von David Bowie, ist ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass das menschliche Bedürfnis nach Ekstase, Magie und Ritual heute eher in der Popmusik als in der Religion zu Hause ist.
Im Raum für Freunde des Kunstvereins ist bis zum 5. Juli parallel Phillip Maiwalds Rauminstallation „A M O K“ zu sehen. Im düster gehaltenen Jugendzimmer liegt ein subkulturell kaum verortbarer Teen über ein Puzzle gebeugt auf dem Boden. Um ihn herum Alltag: Spielekonsole, Pizzapappen, Aquarium, ungemachtes Bett.
Maiwald betont in seinen Arbeiten die Gegensätze der menschlichen Existenz, lässt hierfür immer wieder lebensnahe Puppen banale Dinge des Alltags erledigen, die dem Wunsch nach Bedeutsamkeit Individualität und Abgrenzung eigentlich diametral entgegenstehen. Mit dieser Arbeit spitzt der Künstler die Befragung der menschlichen Natur zu. Ist der Amokläufer am Ende womöglich jemand wie du und ich? Das ist in diesem Fall schon deshalb kaum zu beantworten, weil niemand weiß, ob wir es in der Installation wirklich mit einem Amokläufer zu tun haben. Der Kleidungsstil der Puppe allerdings ähnelt dem jener Schüler, die 1999 ein Blutbad in der Columbine Highschool in Littleton angerichtet haben.
Weitere Infos gibt es unter www.kunstverein-wolfsburg.de.
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