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Ein Eigenbrötler sucht Freunde

Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft hofft auf ehrenamtliche Unterstützung für kleines Museum.

Von Marion Korth, 23.01.2013.

Braunschweig. Das Friedrich-Gerstäcker-Museum ist 30 Jahre alt geworden, aber große Geburtstagsgeschenke wird es wohl nicht geben. Die muss sich die Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft, die Werk und Andenken an den Weltreisenden und Schriftsteller lebendig hält, besser selbst machen. Deshalb geht Vorsitzender Thomas Ostwald auf Suche nach Ehrenamtlichen, die sich Zeit fürs Museum nehmen möchten.

Ein kleiner Stab von Freiwilligen macht es möglich, dass das Museum fast die ganze Woche über zumindest stundenweise geöffnet hat. Nur krank werden darf keiner, dann wird es gleich eng. „Außerdem würden wir gern auch am Sonnabend öffnen“, sagt Ostwald. Das Museum ist im ehemaligen Wach- und Küchenhaus des Schlosses Richmond an der Wolfenbütteler Straße untergebracht. Ein schönes Haus, eine noble Adresse, würde beides nur nicht so weit ab vom Schuss liegen.
Gerstäcker hat hier nie gelebt, auch wenn seine Schreibstube mit Möbeln der Zeit und diversen Reisemitbringseln in einem Zimmer nachempfunden wird. Trotzdem, einmal kam der Weltreisende wohl doch am Haus vorbei. Da war er auf Verwandtenbesuch, und die Kutsche erreichte schneller als erwartet Braunschweig. Onkel und Tante wollte er so früh morgens nicht aus dem Bett holen, deshalb spazierte er bis Schloss Richmond.
Rund 5500 Besucher kommen im Jahr in das Museum, gern würde Ostwald ihnen mehr bieten – inhaltlich und auf mehr Fläche. Am Dachgeschoss müsste etwas gemacht werden, aber Ostwald ist skeptisch, ob es diesmal etwas mit einem Ausbau wird. Die Stadt stellt kostenlos die Räume zur Verfügung, was rechnerisch mit 5000 Euro festgehalten wird, für Strom, Heizung und Aktivitäten kommt die Gesellschaft selbst auf. Für mehr fehlt das Geld.
Selbst wenn sich einen Nachmittag mal niemand hinaus nach Richmond verirrt, Lesestoff gibt es in dem Museum ja genug. Mit Unterstützung der Agentur für Arbeit ackert sich jetzt ein Mitarbeiter auf bezahlter Stelle im wissenschaftlichen Auftrag durch die 44-bändige Gerstäcker Werksausgabe. Für die neueren Ausgaben wurde viel verändert und gekürzt. Da es vor allem die Germanisten sind, die sich noch für Gerstäcker interessieren, will die Gesellschaft hier mit der vergleichenden Textarbeit das Rüstzeug für die literarische Grundlagenarbeit liefern.
Das, was nicht in den Neuauflagen steht, sei das eigentlich Interessante, sagt Ostwald. Es sind die Alltagsschilderungen, die ahnen lassen, wie sich Pioniere und Trapper im „Wilden Westen“ durchschlugen. Anders als Karl May war Gerstäcker mitten unter ihnen gewesen. Die Ideenvorlage für die Silberbüchse hatte er May geliefert, ja sogar Winnetou selbst ähnelt verdammt jenem Indianer, den Gerstäcker beschrieb.
Ostwald hat eine Biografie über Gerstäcker geschrieben, „kennt“ ihn besser als die meisten. Was war er wohl für ein Mensch? „Ein Romantiker, ein Abenteurer, ein Eigenbrötler“, sagt Thomas Ostwald. Vom Heimweh zerfressen, sobald er zu neuen Reisen aufgebrochen war, von Ungeduld getrieben, sobald er wieder zu Hause war. Meistens war er allein unterwegs mit nicht viel mehr als einem Gewehr dabei. Am Anfang habe er nicht einmal eine Decke mitgenommen.
Gerstäcker starb schon mit 56 Jahren in Braunschweig. Ostwald wundert sich, dass der Mann überhaupt so alt geworden ist. Wer mit nur einem Schuss im Gewehr meint, einem Bären in die Winterhöhle folgen zu müssen, der spielte mit seinem Leben. Schilderungen aus Gerstäckers Tagebuchnotizen lassen zudem darauf schließen, dass er sich aus den Sümpfen Arkansas’ Malaria mitgebracht hat. Begraben liegt er auf dem Magnifriedhof, die Gerstäcker-Gesellschaft bemüht sich, dass er nicht vergessen wird.

Info:
• Friedrich Gerstäcker (1816-1872) verbrachte seine Jugend und seine letzten Lebensjahre in Braunschweig. Nach ihm hat die Stadt Braunschweig den ältesten Jugendbuchpreis der Bundesrepublik benannt. Der Friedrich-Gerstäcker-Preis wird alle zwei Jahre verliehen.
• Gerstäcker-Museum, Wolfenbütteler Straße 56, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 15 bis 18 Uhr, Sonntag 10 bis 13 Uhr.
• Die Sammlung: Gegenstände aus dem Nachlass Friedrich Gerstäckers, außerdem eine umfangreiche Sammlung mit Waffen aus der amerikanischen Pionierzeit, deren Grundstock Dr. Peter Wagner gelegt hat, zahlreiche Buchausgaben (von der Erstausgabe bis zur neuen Werkausgabe, Americana-Literatur, Briefe, Tagebücher und Dokumente).
• Kontakt: Wer sich ehrenamtlich für das Museum engagieren möchte, wendet sich an Thomas Ostwald, Telefon 35 01 89.
• Empfehlenswerte Einstiegslektüre: „Die Regulatoren in Arkansas“.
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