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Effektvoll inszeniert: Isolation im Raum ohne Liebe

ffi Briest im bösen Traum, die Gesellschaft überschüttet sie mit Ansprüchen. Foto: Volker Beinhorn

Schirin Khodadadian inszeniert Fontanes „Effi Briest“ im Großen Haus mit reichlich Spektakel.

Von André Pause, 26.03.2016.

Braunschweig. Geradezu aufgedreht tobt Pauline Kästner als Effi Briest über die nach vorne abfallende Strand- und Meerbühne im Großen Haus.

Doch schon bald weicht der Schwung aus dem 17-jährigen Mädchen. Das ist bei Schirin Khodadadians insgesamt sehr temperamentvoller Inszenierung für das Staatstheater nicht anders als im Roman von Theodor Fontane. An einigen Stellen der Produktion – das hatte sie im Vorgespräch angedeutet – arbeitet die Regisseurin jedoch gezielt mit Auslassungen und Akzentverschiebungen.
Das Ergebnis ist stimmig: Die großen Stationen in Bezug auf Effi stehen im Zentrum, um sie herum die Manipulatoren, die Khodadadian effektvoll rein- und rauszoomt. Ein wesentlicher Fokus liegt hier auf der neurotisch veranlagten Mutter Briest. Sie ist es schließlich, die ihr Kind dem ehemaligen Verehrer wider besseres Wissen zur Heirat andient – und damit im Raum des Nicht-geliebt-werdens isoliert. Birte Leest lässt es in dieser Rolle dämonisch funkeln, verhärtet zusehends bis zur Maskenhaftigkeit.

Luise Briest sorgt für Albträume und wirft Effi in der Braunschweiger Inszenierung weit mehr aus der Bahn, als die gesellschaftliche Ächtung oder irgendeine andere Person es je schaffen könnte: Götz van Ooyen verleiht dem Baron von Instetten vom Fleck weg eine solch mensch-maschinige Verklemmtheit, dass man sich über Effis naive Entscheidung für seine Person und ein Leben mit ihm – begüterter Mann von Ehre hin oder her – noch mehr wundern muss als ohnehin. Liebhaber Major von Crampas (Tobias Beyer) ist als Heine zitierender Casanova eher ein augenzwinkerndes Einsprengsel und Papa Briest (Moritz Dürr) – dem ist ohnehin alles „ein weites Feld“.

Die ungeliebte Effi. So richtig gut meint es abgesehen von Neufundländer Rollo nur einer mit ihr, und das womöglich auch nur, weil er – gemeinsam ist die Kessiner Einsamkeit leichter zu ertragen – es gut mit sich selber meint: Apotheker Alonzo Gieshübler (Mattias Schamberger), der sich nicht nur sprichwörtlich in den Staub schmeißt. Aber das ist eben Freundschaft oder Zuneigung, aber nicht Liebe.
Zwischendurch singen die Schauspieler Rocko Schamonis Lied „Der Mond“: Und die Sonne geht auf und die Erde geht unter, ganz oben steht der Mond. Und er schaut jeden Tag auf die Erde herunter. Vor seinem Blick bleibt nichts verschont.
Ein rarer Moment des Innehaltens in turbulenten zweieinhalb Stunden. Auf der Bühne geht die Erde am Ende nur halb unter. Effi stirbt, so sieht es aus, vorerst nicht. „Ich muss leben, ewig wird es ja wohl nicht dauern“, sagt sie.
Der Applaus bei der Premiere ist langanhaltend, vereinzelt sind Bravo-Rufe zu hören.

Weitere Infos zum Stück und Aufführungstermine finden Sie unter staatstheater-braunschweig.de im Internet.
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