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Düster: Der Mensch auf der Suche nach Erlösung

Der Mensch nachdem Verlust der Körperlichkeit: Ist das die Erlösung? Foto: Andreas Etter

Tanzdirektor Jan Pusch verabschiedet sich mit „Welcome to your World“ aus Braunschweig – Nächste Vorstellung am 15. März.

Von André Pause, 11.03.2015.

Braunschweig. Der Körper als Wunderwerk der Evolution ist Verhandlungsgegenstand der letzten Arbeit des nach dieser Spielzeit scheidenden Staatstheater-Tanzdirektors Jan Pusch.

Ein weiteres Mal hat dieser sich damit ein Thema vorgeknöpft, das mental kaum zu packen ist. Puschs Choreografien lagen in der Vergangenheit des Öfteren äußerst komplexe Ideen, Sachverhalte und Konzepte zugrunde. Von seinem Mut zur Verkopftheit rückt der Tanz-Chef auch für seinen insgesamt starken Abgang mit „Welcome to your World“ nicht ab.

Dabei ist die 70-minütige Produktion eine in der Grundstimmung eher düstere, nachdenkliche. Alles beginnt mit der Entstehung von Leben, dem Aufkommen und Entwickeln organischer Strukturen. Das motorische System, die Evolution im Körper vollzieht sich innerhalb von Minuten: Ein Hin und Her auf der Bühne im Großen Haus symbolisiert Vor- und Rückschritt im Rahmen des Prozesses. Die Physis der Tänzer ist erwacht, die Glieder erstarken, und der aufrechte Gang wird zum Vorboten der Vielfalt des körperlichen Tuns. Dies demonstriert die Compagnie vor allem mit kraftvollen Kollektivchoreografien. Die synchrone Bewegung könnte Hinweis sein auf die im Ansatz gleichen, jedoch unterschiedlich ausgeprägten körperlichen Merkmale.

Dass der Mensch ein verletzbares und vor allem endliches Wesen ist, kommt im zweiten Bild des Abends zum Tragen. Das Leben ist eine Welle, und am Ende weicht es aus der fleischigen Hülle. Das physische Ende trennt die Menschen, der eine bleibt, der andere geht. Auf der Bühne werden Pärchen auseinandergerissen, voneinander entfernt. Den Weg dorthin zelebriert Sara Angius im Anschluss mit einem feinen Solo. Die zierliche Frau bewegt sich beinahe marionettenhaft, stützt die zahlreicher werdenden Schwachstellen des Körpers, so lange dies eben möglich ist.

Aufgehellt ist die Stimmung im dritten Bild. Musikalisch weichen die treibenden Rhythmen immer wieder tröstlich sanften Streichern. Die Seelen sind frei, alles, was Kostüm ist, glitzert. Der Eintritt in das Reich der Leichtigkeit, womöglich das Paradies, erfolgt durch einen Fadenvorhang. Ein zähes, vorübergehend zumindest jedoch lohnendes Prozedere. Die körperlichen Grenzen sind nicht weiter existent, durch Verlust gänzlich aufgelöst.

Nach und nach erscheinen die Tänzer in Ganzkörper-Camouflage. Dergestalt sind sie als anonyme Avatare unterwegs, ohne wirkliche Identität und mechanisch in der Bewegung. Die futuristisch anmutende Show verdeutlicht: Noch können wir uns nicht vorstellen, ohne Leib zu existieren. Was aber, wenn die digitale Revolution den Körper in der Zukunft überwindet? Diese Version der schönen neuen (virtuellen) Welt verursacht zumindest einen Schauer auf dem Rücken.

Der letzte Teil des Abends ist schließlich ein Statement für den Körper, ein Schlussbild für die Ewigkeit: Charles Washington auf der Drehbühne nähert, entfernt und nähert sich erneut als Adam seiner wartenden Eva (Bettina Bölkow). Die anderen Tänzer stehen im Sterbehemd im Halbkreis hinter Adam und drehen sich mit durch den Raum. Irgendwie wird es weitergehen – so oder so.

Langer, kräftiger Applaus. Nächste Vorstellung: 15. März (18 Uhr). Weitere Termine: staatstheater-braunschweig.de .
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