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„Du musst glühen für den Tanz“

Abschied der Ballettchefin bedeutet auch das Aus für die ganze Kompagnie in Braunschweig.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 27.06.10

Braunschweig. Typisch für ein Tänzerleben: Die Chefchoreografin verlässt das Haus – und 16 Tänzerinnen und Tänzer stehen vor dem Aus. Der Nachfolger kommt mit eigener Kompagnie.

„Das ist ganz normal“, sagt Eva-Maria Lerchenberg-Thöny. Deshalb habe sie ihren Abschied vom Staatstheater Braunschweig auch bereits im Frühjahr vergangenen Jahres bekannt gegeben. „Ich wollte, dass meine Tänzer Zeit genug haben, sich auf die neue Situation einzustellen.“ Ein wenig hatte sie auch gehofft, dass der neue Intendant ihre Kompagnie komplett übernimmt und lediglich einen neuen Cheftrainer sucht.
Auf einem hohen Niveau
„Auch das gibt es“, erzählt sie vom „Tanz-Geschäft“, aber leider habe es nicht geklappt. Dabei könne sie ihre Kompagnie nur in den höchsten Tönen loben und unbedingt weiterempfehlen. „Nach drei Jahren Arbeit sind wir auf einem sehr hohen Niveau“, sagt die Chefchoreografin. Und nicht nur das. Ein tiefes Gemeinschaftsgefühl verbinde ihre Truppe, geprägt von gegenseitiger Unterstützung, Hilfsbereitschaft und Einigkeit im Blick auf das Ergebnis.
„Das ist keine Selbstverständlichkeit“, weiß Lerchenberg-Thöny aus ihrer langen Erfahrung als Choreografin. Eine Kompagnie, deren Mitglieder sich nicht verstehen, könne regelrechte Sprengkraft entwickeln. Denn Tänzer leben ihr eigenes, sehr besonderes Leben. „Du musst verrückt sein, um das alles auszuhalten“, formuliert es Lerchenberg-Thöny, „du musst glühen für den Tanz, du musst leuchten vor Enthusiasmus.“
Anders sei das normale Tanzleben kaum zu bewältigen. Ständige körperliche Anstrengung, dazu relativ wenig zu essen, denn das Gewicht muss gehalten werden. Rund acht Stunden Einsatz am Tag sind normal – Training, Proben, Aufführungen – Pausen gibt es fast keine. „Urlaube sind nur sehr begrenzt möglich“, erklärt Lerchenberg-Thöny, „der Körper muss in Bewegung bleiben, um die Anforderungen zu bewältigen. “
Tänzer beginnen ihre Laufbahn sehr früh, einige bereits mit sechs oder sieben Jahren, andere etwas später. Am Anfang steht immer eine klassische Ausbildung als Ausgangsbasis. Und irgendwo zwischen Mitte 30 und 40 Jahren ist bereits Schluss. „Ungeheurer Wille und Idealismus sind nötig“, sagt Lerchenberg-Thöny, „du musst immer alles geben, ständige Schmerzen ertragen, immer über deine Grenze gehen, hast so gut wie nie Freizeit und stehst womöglich mit 40 Jahren vor dem Nichts.“
„Sie sind so gut“
Denn die Tänzer rangieren in der Theaterhierarchie relativ weit unten, auch finanziell reicht es nicht, um wohlhabend zu werden. Die Tarife liegen je nach individueller Voraussetzung irgendwo zwischen 2100 und 2800 Euro. Und die Zeit der ganz großen Ballerinen oder berühmten Einzeltänzer scheint vorbei, jetzt stehen Kompagnien im Mittelpunkt.
Diese Braunschweiger Kompagnie jedenfalls ist an einem Schlusspunkt. Noch haben nicht alle Ensemblemitglieder Anschlussverträge, einige hören aus persönlichen Gründen auf, andere sind in der Bewerbungsphase. „Obwohl ich meinen Weggang so früh angekündigt hatte, blieb für die meisten wenig Zeit zum Vortanzen an anderen Bühnen“, sagt Lerchenberg-Thöny, „denn alle bleiben bis zum Schluss konzentriert bei der Sache.“ Das heißt, jeden Tag präsent sein, alle Proben mitmachen, zu allen Aufführungen da sein. Das rechnet die Chefin ihren Tänzern hoch an.
„Ich bin so stolz auf meine Kompagnie“, sagt sie, „und ich bin auch ganz zuversichtlich, dass alle etwas Neues finden. Denn sie sind so unglaublich gut.“
Lerchenberg-Thöny selbst geht zurück nach München. Der Mann und der erwachsene Sohn warten auf sie. Segeln gehen, Abstand gewinnen. Vor allem weg vom Theaterbetrieb. Und dann etwas anderes beginnen. Schreiben vielleicht.
Das nB-Porträt über Eva-Maria Lerchenberg-Thöny im Netz unter neue-braunschweiger.de/Koerper_koennen_nur_schwer_luegen/
Mehr Informationen auch unter www.lerchenberg-thoeny.de
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