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„Diese Schwanzeinkneiferei finde ich seltsam"

Heinz Rudolf Kunze. Foto: André Pause

Heinz Rudolf Kunze spricht im Interview unter anderem über seine Schauspielambitionen, sein aktuelles Soloprojekt und die Flüchtlingsdebatte

Von André Pause. 28.11.2015.

Braunschweig. Seit beinahe 40 Jahren ist Heinz Rudolf Kunze auf den Bühnen der Republik zu Hause. Vor seinem Soloabend „Einstimmig“ im Wintertheater-Spiegelzelt hat sich André Pause mit dem Rockmusiker und Liedermacher unterhalten.

? Herr Kunze, Sie sind für einen Abend ins Wintertheater nach Braunschweig gekommen. Eigentlich hätten Sie doch dann gleich noch in der Weihnachtsgeschichte oder der Weihnachtsfeier mitspielen können. Sie hegen ja schon schauspielerische Ambitionen, waren mehrfach im TV zu sehen.

! Ja, auch im Kino. Ich habe schon zwei Kinofilme gemacht: „Tim Thaler“, jetzt vor kurzem, der kommt Weihnachten 2016 in die Kinos. Das ist eine riesige Märchenproduktion von Constantin. Und in diesem Sommer ist die Neonazisatire „Heil“ von Dietrich Brüggemann gelaufen. Da habe ich einen Verfassungsschützer gespielt. Jetzt spiele ich auch in einer neuen ARD-Satire mit: „Goethe@Kisbekistan“. Da besuche ich als Heinz Rudolf Kunze ein abgelegenes Goethe Institut irgendwo im arabischen Raum.

? Das klingt nach jeder Menge Arbeit ...

! Ich habe mir auf meine alten Tage noch eine Schauspielagentin genommen, weil der großartige Regisseur Hans-Christoph Blumenberg mich ermuntert hat, dies zu tun. Er meinte, ich sollte das öfter machen. Und ich mache das auch mit großer Lust. Nachdem ich viele Jahre für Schauspieler im Theater geschrieben habe und hinter den Kulissen für Musicals tätig war, hat es mich gejuckt, mal kennenzulernen, wie es vor den Kulissen ist. Sich in einer fremden Rolle zu verlieren, ist einfach eine Supererfahrung. Die Theaterbühne traue ich mir nicht zu, da ich Texte sehr schlecht behalten kann, aber Film und Fernsehen, wo man wiederholen kann – das ist okay.

? Als Musiker müssen Sie sich Ihre Texte doch aber auch merken?

! Ach was, ich habe doch meine Texte immer dabei: wie Hüsch und Niedecken (lacht).

? Die Weihnachtsgeschichte hätten Sie sich textlich wahrscheinlich schon gemerkt.

! Ich habe im Herbst jetzt so viel gemacht: mit Räuberzivil (Kunzes akustisches Trio), mit Solokonzerten, mit Lesungen, mit Dreharbeiten. Ich habe eigentlich die Nase voll und freue mich auf einen ruhigen Dezember, zumindest bis Weihnachten. Zwischen Weihnachten und Neujahr ziehe ich noch dreimal mit dem Soloprogramm los.

? Für alle, die bislang nicht dabei sein konnten: Was verbirgt sich hinter dem Soloprogramm „Einstimmig“?

! Es ist quasi die radikalisierte Form von Räuberzivil. Räuberzivil habe ich gegründet, weil viele alte Hörer sich beschwert haben, dass ihnen in meiner Hauptband der Wortanteil zu kurz kam. Das ist eine literarischere Formation, bei der es mehr Sprechtexte und leisere Musik gibt. Ganz alleine bin ich logischerweise noch leiser, noch mehr auf den Kern der Stücke fokussiert, und streife sozusagen durch mein eigenes Museum – durch Lieder aus 36 Jahren. Dabei nutze ich die Chance zu noch mehr Texten zwischendurch. Jetzt bin ich wirklich bei der Hans-Dieter-Hüsch-Form angekommen.

? Ist das Publikum, das zu den Rockkonzerten kommt, nun ein grundsätzlich anderes als das in den Soloshows?

! Der harte Kern ist ein anderer. Die Leute, die sich bewegen und rumtoben wollen, werden wohl weniger in die Soloshows kommen. Aber das Programm wird unheimlich gut angenommen, es ist praktisch alles ausverkauft. Das Publikum bekommt mit, dass ich den Bogen ganz konsequent schlage, von 1981 bis heute. Für mich ist es eine große Ermutigung, ich mache es ja erst seit diesem Sommer. Ich habe mich mein Leben lang davor gedrückt, ganz alleine zu spielen, hatte immer mindestens einen weiteren Musiker dabei, weil ich gedacht habe: Ich kann das nicht. Ich habe echt Angst gehabt.

? Jetzt wirklich?

! Ja! Ich habe mich echt überwinden müssen, damit anzufangen, und war unglaublich erleichtert, dass die Leute das auch in dieser Form annehmen. Jetzt habe ich das verinnerlicht und weiß, wie das geht. Es klingt für die Leute so, wie bei mir im Arbeitszimmer, wenn ein Lied fertig ist, und ich es mir selber vorspiele. Nackter geht’s nicht mehr. So klingen die Songs, wenn mein Einfall abgeschlossen ist. Das ist quasi ein Einblick ins Labor. Mehr als zehn Abende haben wir jetzt schon gemacht, und es läuft prima. Es ist nur enorm anstrengend, weil ich fast zweidreiviertel Stunden spiele – ohne Pause.

? Das ist ja auch für das Publikum eine Herausforderung.

! Bisher waren sie tapfer.

? Berücksichtigen Sie da die jeweils aktuelle gesellschaftliche oder politische Gemengelage? Es böte sich ja an.

! Aber natürlich! Das ist ja die große Chance von solchen Programmen. Die können sich von Tag zu Tag ändern. Da kann ich wirklich kabarettistisch, journalistisch, satirisch reagieren. Heute mache ich zum Beispiel zwei neue Sachen, die gestern im Hotelzimmer in Brunsbüttel entstanden sind.

? Aktuell führt keine Diskussion an der Flüchtlingssituation vorbei. Sie selbst sind im Flüchtlingslager Espelkamp zur Welt gekommen, und haben das Thema mehrfach in Songs zur Sprache gebracht. Wie erleben Sie die Debatte?

! Da muss ich einschränken: Erst mal waren meine Eltern, nicht ich, die Flüchtlinge, die Vertriebenen. Die waren mit mir im Bauch im Westen angekommen, und ich bin dann in der Bundesrepublik in einem Flüchtlingslager geboren. Aufgewachsen bin ich in der Bundesrepublik, obwohl ich aus einem Gebiet stamme, das heute zu Polen gehört. Ich habe also kein Flüchtlingsschicksal am eigenen Leib erfahren, sondern das meiner Eltern mitbekommen. Außerdem waren wir „nur“ deutsche Flüchtlinge. Wir kamen nicht aus einem völlig anderen Teil der Welt, mit einer völlig anderen Religion, einer völlig anderen Kultur. Das ist ein großer Unterschied. Dass meine Eltern etwas Ähnliches erlebt haben, hat meine Empfindlichkeit für das Thema aber gestärkt. Ich denke, dass Leute deren Leib und Leben gefährdet sind, geschützt werden müssen. Dann allerdings sollte man auch nach praktischen Lösungen suchen. Es kann nicht sein, dass mehr als die Hälfte der europäischen Staaten sagt: damit wollen wir nichts zu tun haben. Europa hat seine Werte vor ein paar Jahren schon einmal verraten – an die Banken. Wenn es seine Werte, was die Menschenrechte betrifft, noch mal verrät, dann können wir den Laden auch auflösen. Dann hat Europa als Union keinen Sinn mehr.

? Welche Schlüsse sollten Ihrer Meinung gezogen werden?

! Es kann nicht sein, dass nur die Deutschen und die Schweden sich kümmern sollen. Die Schweden haben jetzt schon die Notbremse gezogen. Da muss es eine faire Lösung geben, wo sich alle europäischen Länder im Rahmen ihrer Möglichkeiten beteiligen, denn das Problem werden wir nicht los. Was wollen wir denn machen? Diese ganzen Halbaffen trommeln sich auf die Brust und sagen „Grenzen dicht!“ Ja, wie denn? Wie soll denn das gehen? Wer gibt denn dann den Schießbefehl? Die Flüchtlinge kommen! Man kann da nicht einfach einen Zaun um ganz Europa ziehen, das geht nicht.

? Ein anderes Aufregerthema – vor allem in Musikerkreisen – war zuletzt die Ausladung des Sängers Xavier Naidoo vom European Song Contest (ESC) durch die öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt ARD. Naidoo ist mehrfach durch sehr fragwürdige politische Äußerungen aufgefallen. Die Rolle rückwärts der ARD verstehen viele Menschen ebensowenig. Wie stehen Sie dazu?

! Man kann so mit einem Kollegen nicht umgehen. Der Xavier ist ein sehr sympathischer Wirrkopf, ich kenne ihn. Er hat manchmal krause Ideen. Aber das Prozedere jetzt ist an sich stillos. Man kann nicht einfach jemanden ohne die Hörer zu fragen nominieren, und dann die ganze Sache selbstherrlich wieder rückgängig machen. So geht man mit Musikern nicht um. Xavier hat manchmal seltsame Ansichten, aber darüber muss man sprechen, und das muss man auch aushalten können. Diese Schwanzeinkneiferei der Medien-Verantwortlichen finde ich äußerst seltsam. Dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn bald gar keiner mehr beim ESC mitmachen will.

? Unabhängig davon, was Naidoo in jüngster Vergangenheit gesagt oder nicht gesagt hat: Künstlern werden ja allgemein und ohne Vorwarnung gerne Attribute zugeschrieben. Sie selbst wurden unter anderem schon in die Schubladen „Oberlehrer“ oder „intellektueller Rockpoet“ gesteckt. Nervt das, oder ist das etwas, wo sie sagen: Das ist mir eigentlich egal?

! Etiketten ... Ich mache jetzt 36 Jahre lang Musik. Wenn mich das jetzt noch so quälen würde, wie am ersten Tag, hätte ich was falsch gemacht.

? Der Mensch verändert sich, die Musik auch. Sie sind Vielhörer: Gibt es aktuell Künstler, die ihr Herz höher schlagen lassen?

! Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich ziemlich resigniert in den Jazz zurückgezogen, sammle wieder fanatisch Jazz, wie ich es schon als Student gemacht habe. Das ist ein Feld, wo ich noch viel entdecken kann. In der Rockmusik finde ich nur noch Langeweile. Ich verfolge natürlich meine alten Helden weiter, und freue mich, wenn der alte Knochen Neil Young mit jungen Leuten weiter laute Musik macht, Bob Dylan und Leonard Cohen gibt es auch noch – das ist schön, Lou Reed hat uns verlassen. Bei jüngeren Bands aber habe ich in den vergangenen Jahren nichts gehört, wo ich sage: das elektrisiert mich, das habe ich so noch nie gehört. Das erkennt man alles irgendwie wieder. Eine der letzten Bands, die mich interessiert hat, war Metronomy. Die fand ich ganz gut, aber auch die haben mich an XTC erinnert. Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Vielleicht ist es mein Fluch, dass ich schon so lange dabei bin. Jahrzehnte lang höre und sammle ich Musik. Da habe ich halt das Schicksal, dass ich sehr viel wiedererkenne, und dass mich vieles an Dinge erinnert, die ich schon mehrmals im Leben gehört habe. Wenn man jung ist, einen etwas zum ersten Mal begeistert, nimmt einen das wahrscheinlich ganz anders mit. Es mag also auch an mir liegen, es kann sein, dass ich nicht mehr genau genug forsche. Irgendwie lässt auch die Kraft der Neugier nach. Ich habe mit 13 Jahren, das war 1969, angefangen systematisch und fanatisch zu sammeln. Irgendwann ist die Kapazität offenbar voll, und man hat genug damit zu tun, das zu pflegen, was man hat und ab und zu mal wieder zu hören.

? Wie viele Tonträger besitzen Sie aktuell? Ich habe mal etwas von 30 000 oder 50 000 gelesen.

! Irgendwo dazwischen wird die Wahrheit liegen.
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