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Die zarteste Versuchung, seit es den Burglöwen gibt

Uwe Meier (vorn sitzend) hatte die Idee zur „Friedensschokolade“, Dr. Saskia Hebert (2. v. r.), Professor Dr. Wolfgang Jonas und Masterstudenten am Institut für Transformation Design griffen sie auf und entwickelten sie zu einer neuen Sicht der Welt. Foto: Korth
 
„Chocotopia 2036“: Die neue Weltkarte gleicht einer „Schatzkarte“ voller Überraschungen und Erfindungen. Bio- und Fairtradesiegel wären verzichtbar, wenn der globale Handel auf Vertrauen und Wertschätzung – auch der Natur gegenüber – beruhen würde. Das gesamte Projekt wird in HBK-Gebäude 5, Mensafoyer, in Raum 008 präsentiert.

„Chocotopia 2036“: Masterstudenten des Instituts für Transformation Design haben den weltweiten Kakaoanbau und -handel neu gedacht.

Von Marion Korth, 15. Juli 2016

Braunschweig. Es geht um eine Reise durch Raum und Zeit, um Braunschweig und Kolumbien, um Coka und Kakao und nicht zuletzt um die zarteste Versuchung, seit es den Burglöwen gibt, also seit 850 Jahren. Alle Fäden laufen in diesen Tagen an der Hochschule für Bildende Künste zusammen, wo das neugegründete Institut für Transformation Design seine Vision einer anderen Welt zeigt: Willkommen in „Chocotopia 2036“!

Der Burglöwe, sichtbarer Ausdruck von Macht und Herrscheranspruch, soll in seinem Jubiläumsjahr zum Friedenssymbol werden. Agrarexperte Uwe Meier, Mitglied im Verein „Fair in Braunschweig“, hatte die Idee, eine „Friedensschokolade“ mit Löwenrelief zu kreieren und 100 indianischen Bauernfamilien in Kolumbien einen Absatzweg für ihren Kakao bis nach Braunschweig zu ebnen. In der heiß umkämpften kolumbianischen Provinz, in der der illegale Cocaanbau blühte, wollen die einstigen Guerillakämpfer ihre Waffen niederlegen. Aber was kommt danach? Der Kakaoanbau soll ihnen Arbeit und die Aussicht auf eine friedliche Zukunft für ihre Familien geben.
Meiers Weg, um den Löwen vom Sockel zu heben und in flache Tafelform zu bringen, führte ihn bis an die HBK, wo die Masterstudiengangsklasse des Instituts für Transformation Design seine Idee sogleich aufgegriffen und weltumspannend weitergesponnen hat.
„Chocotopia 2036“: In Dschungelgärten wachsen nicht nur Kakao, sondern auch Bananen, Süßkartoffeln und vieles andere. Die Bauern haben sich zu Kooperativen zusammengeschlossen, verarbeiten und veredeln ihren Kakao selbst, regelmäßig sind Öko-Touristen ihre Gäste, aber auch sonst sind sie uns als Kakaokäufern und Schokoladengenießern ganz nah, über den „Choconnect-Chat“ tauschen wir Bestellungen, Rezepte und Wissen aus. Drohnen fliegen die Waren aus, heften sich Parasiten gleich an riesige Container-Segelschiffe – und manche Bestellung wird über eine Weltraumschleuder in Umlauf gebracht.
Science Fiction oder Spinnerei? Warum eigentlich? „Wir haben uns gefragt, wie der perfekte globale Handel aussehen müsste“, sagt Dr. Saskia Hebert. Sie hat das Semesterprojekt der ersten zehn Masterstudenten begleitet. Der Wandel und die Veränderung markieren das Studienfeld. Dabei befindet sich das Institut für Transformation Design, entstanden aus dem Institut für Transportation Design, selbst in der Umwandlungs- und Übergangsphase, muss sich erst noch finden.
„Uwe Meier war besessen von der Idee, den Friedenskakao hier zu vertreiben“, sagt Professor Dr. Wolfgang Jonas. Vom ersten Kontakt über die Kakaobohne bis nach Kolumbien, von dort in die Welt und sogar in die Zukunft war es nicht weit. „Wir gestalten Aspekte von Gesellschaft“, sagt Professor Jonas.
Umweltzerstörung und Ausbeutung kennzeichnen bislang den Kakaoanbau und -handel. „Es war schön, positive Szenarien zu zeichnen“, sagt Hermine Porschmann. Mit Ausnahme der Weltraum-Warenschleuder ist alles möglich, erst recht im Jahr 2036. Drohnen, die Containerschiffe „kapern“, erscheinen nicht allzu exotisch. „Wir haben versucht, Trends weiterzuentwickeln und den Boden der Realität nicht völlig zu verlassen“, sagt Hebert.
Kolonial geprägte Machtmonopole haben im neuen Modell keinen Platz, stattdessen stehen Austausch, Teilhabe und die Achtung vor der biologischen Vielfalt.
Im Kleinen wird die Vision Wirklichkeit. Der Burglöwe hat seine Transformation hinter sich. Matthias Witte kennt ihn nun „in- und auswendig“, hat in einem Tonrelief das Übergewicht des Standbildes auf der Vorderhand in ein tafeltaugliches Gleichmaß gebracht. Dann kamen Manuel Ballehr und sein Streiflichtscanner ins Spiel. Der HBK-Techniker rechnete, glättete, passte an. Auf seinem Computerbildschirm ist ein Tafelprototyp zu sehen. Er besteht nicht aus Schokolade, aber rein rechnerisch aus 70 000 Polygonen und einer ungeheuren Datenmenge. Am 17. November wird die Friedensschokolade präsentiert, ein kleines Stück der schönen, neuen Welt.
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